Alternative Flash-Inhalte

Um diese Flash Sie müssen Javascript in Ihrem Browser und aktualisierte Version des Flash Player.

MagazinKinder führen Kinder

Kinder führen Kinder
Ein erfolgreiches Projekt im Saarländischen Schulmuseum

von Prof. Horst Schiffler


Der erste Ernstfall ereignete sich am 7. Mai 2006. Obwohl der Lehrgang zum Kinderführer noch nicht abgeschlossen war, fühlten sich Anna und Katharina so sicher, dass sie gemeinsam ihren ersten Versuch einer Museumsführung wagten. Angemeldet hatte sich eine gemischte Gruppe mit 15 Erwachsenen und 7 Kindern zwischen sechs und elf Jahren; die Organisatorin hatte dem Vorschlag der Museumsleitung zugestimmt, die Führung in zwei Parallelgruppen durchzuführen, die Kinder von zwei der neuen Kinderführer, die Erwachsenen von dem ursprünglich vorgesehenen Museumspädagogen betreuen zu lassen. Der Versuch war ein voller Erfolg - mit der kleinen Einschränkung, dass die Neugier immer wieder einzelne Erwachsene in den Raum lockte, in dem gerade die Kindergruppe agierte.

Am 16. Mai 2006 erhielten sieben Mädchen und fünf Jungen ein Zeugnis, das ihnen die regelmäßige und erfolgreiche Teilnahme an dem Lehrgang zum Kinderführer im Schulmuseum bestätigte und ihnen die Möglichkeit einräumte, im Schulmuseum Führungen für Kinder anzubieten. Der Weg dahin hatte Ende 2005 begonnen.

 

Überlegungen zur Konzeption

Ein Schulmuseum sieht sich als pädagogisches Museum besonders herausgefordert, seiner Vermittlungsaufgabe einen hohen Stellenwert beizumessen. Das differenzierte museumspädagogische Konzept des Saarländischen Schulmuseums wird immer wieder auf seine Aktualität und seine Tragfähigkeit überprüft, modifiziert und erweitert. Angeregt von den Ausstellungsführungen durch Jugendliche im Hygienemuseum in Dresden wurden 2005 erste Überlegungen angestellt, ob es sinnvoll und praktikabel sein könnte, Kindergruppen durch Kinder im Museum betreuen zu lassen. Es war schnell klar, dass es dabei nicht um die Führung von Schulklassen gehen konnte; dabei spielte nicht nur der organisatorische Grund eine Rolle, dass die ca. 300 Schulklassen, die das Museum jährlich besuchen, zum größten Teil am Vormittag erscheinen, wenn die Kinder des Führungsteams selbst die Schulbank drücken. Ihr Einsatz war jedoch möglich im Rahmen der Kindergeburtstage, die seit Jahren im Museum arrangiert werden können, bei gemischten Gruppen mit einem entsprechenden Anteil an Kindern und als selbstständiges Museumsangebot am Nachmittag.

Das Alter der Kinder sollte zu Beginn des Projekts möglichst nicht höher als zwölf Jahre sein, damit der Anspruch "Kinder führen Kinder" eine Weile erfüllt würde und sich der große Vorbereitungsaufwand lohne. Da sich die Museumsführerrolle nicht nur auf eine thematisch begrenzte Sonderausstellung, sondern auf das gesamte inhaltliche Spektrum der Dauerausstellung erstrecken würde, war eine umfassende Vorbereitung unerlässlich. Das wäre in einem Kompaktkurs während der Schulferien nicht zu erreichen gewesen, deshalb entschlossen wir uns zu einem Lehrgang mit einem wöchentlichen Treffen, der sich über drei bis vier Monate ausdehnen konnte. Mädchen und Jungen sollten möglichst in einem ausgewogenen Verhältnis vertreten sein. Aus organisatorischen Gründen war es sinnvoll, wenn die Teilnehmer von einer Schule kämen.

 

Organisatorische Vorbereitung

Im Januar 2006 gewannen wir in einem Gespräch mit der Schulleitung des Ottweiler Gymnasiums die Bereitschaft zur Mitarbeit. Zwei Lehrer in zwei sechsten Klassen stellten Zeit zur Verfügung, um den Schülern das Projekt vorzustellen und erste organisatorische Fragen zu klären. Das Interesse war in den beiden Klassen sehr unterschiedlich, aber weit höher, als von uns erwartet. Bei den Vorüberlegungen waren wir von einer optimalen Teilnehmerzahl von acht Schülern ausgegangen. Aus ursprünglich über zwanzig Interessierten wurden nach Terminabsprachen, Offenlegung der Anforderungen, Zustimmung der Eltern usw. zwölf Teilnehmer, sieben Mädchen und fünf Jungen. In einem Elternbrief wurde das Projekt beschrieben und auf die zu erwartenden positiven Auswirkungen auf die Kinder hingewiesen: ""Die jungen Museumsführer werden nicht nur einen Gewinn an kulturgeschichtlichem Wissen, sondern auch an sprachlicher Gewandtheit und Selbstbewusstsein erwerben." Beigefügt war eine Einverständniserklärung, die unterschrieben zum ersten Treffen mitzubringen war.

 


Der Lehrgang

Das Ziel des Lehrgangs lässt sich auf folgende Formel bringen: Vermittlung des nötigen Sachwissens, praktischer Fertigkeiten und methodischer Fähigkeiten, um im Rahmen der eigenen Führungskonzeption flexibel und lebendig eine mindestens einstündige Museumsführung mit Kindern von etwa sieben bis zwölf Jahren durchzuführen. Dieses Ziel sollte in zehn Samstagskursen von zwei bis drei Stunden und ergänzenden Vor- und Nachbereitungen erreicht werden. Da die Teilnahme freiwillig und ein Ausscheiden jederzeit ohne Folgen möglich war, konnten nur eine große Motivation und ein abwechslungsreicher Kursverlauf einem möglichen Auflösungsprozess entgegen wirken.

Als wichtige Motivationselemente stellten sich heraus:

  • Dadurch, dass die Teilnehmer auch die Bereiche des Museums kennen lernen, die dem Publikum verschlossen sind und Zutritt zu den Betriebszeiten - also auch außerhalb der Öffnungszeiten - gewährt wird, entsteht das Gefühl der Zugehörigkeit.
  • Jede Arbeitsphase wird fotografisch dokumentiert; in der folgenden Sitzung erhält jedes Kind zwei bis drei Bilder, auf dem es selbst bei einer Aktion zu sehen ist.
  • Der einzelne Kurs gliedert sich in mehrere Arbeitsphasen, um dem Aufkommen von Langeweile entgegen zu wirken.
  • Im Rahmen des Kursbausteins "Objektkunde" dürfen die Kinder mit Archivhandschuhen auch wertvolle Objekte anfassen und studieren; das Besondere dieser Erfahrung ist ihnen durchaus bewusst.
  • Aufgaben können nach Wunsch alleine oder in Gruppen bis zu drei Kindern angegangen werden, um für eher schüchterne Kandidaten die Hemmschwelle zu senken.

 

Das Motivationskonzept scheint tragfähig gewesen zu sein, wider Erwarten hielten alle durch, und nur in ganz wenigen Fällen wurde die Teilnahme wegen Krankheit oder anderer Verpflichtungen abgesagt.

Die Kurseinheit begann in der Regel mit der Erarbeitung eines inhaltlich geschlossenen Museumsteils, wie dem historischen Schulturnplatz oder dem Bereich, der der Geschichte des Schreibens gewidmet ist. In den ersten beiden Sitzungen erfolgte dies durch den Kursleiter in der Weise, dass auch führungsmethodische Aspekte beachtet und thematisiert wurden. Danach übernahmen einzelne Teilnehmer, die sich auf der Grundlage von eigens dafür erarbeitetem Material und Studien im Museum vorbereitet hatten, diesen Part.

Beispiel zum Thema Lesenlernen

 

Die Gegenstände in der Vitrine und im Wandbereich daneben dienen dem Lesenlernen. Lesen ist die wichtigste Grundlage für das Lernen in der Schule überhaupt. Deshalb haben sich die Menschen seit langem schon Gedanken gemacht, wie man das Lesenlernen erleichtern könne und es so unterrichten, dass es mehr Spaß macht. Bis vor 200 Jahren hatte man keine gute Methode und es dauerte oft mehr als drei Jahre, bis die Kinder einfache Sätze lesen konnten. Manche lernten es sogar in ihrer gesamten achtjährigen Schulzeit nicht richtig.

Im 19. Jahrhundert wurde dies besser. Ab da gab es bessere Fibeln und andere Hilfsmittel. Die "Lesemaschine" rechts stammt aus dieser Zeit. Die einzelnen Trommeln kann man drehen und so aus Buchstaben Wörter und aus Wörtern Sätze bilden. Daneben hängt eine große Leseuhr von ca. 1970. In der Vitrine sieht man die gleiche Leseuhr im Kleinformat für jeden Schüler. (Demonstriere, wie die Leseuhr funktioniert.)

In der Vitrine kann man sehen, wie sich die Fibeln verändert haben. Vor 1850 waren es kleine billige Bücher ohne Bilder, dann kamen kleine Schwarz-weiß-Bilder auf den ersten Seiten zu den Buchstaben; erst nach 1900 wurden die Fibeln reicher und schöner bebildert. ...

Die Buchstabenkarten auf dem unteren Vitrinenboden sind ungefähr 180 Jahre alt; sie sind sehr selten und wertvoll und wurden im Unterricht von Hauslehrern bei reichen Leuten benutzt. Das Bild im Buchstaben soll zeigen, wie der Buchstabe klingt: sch - ihr seht, der Junge verscheucht die Vögel: sch, sch. Welche Laute stellen die Bilder in den anderen Buchstaben dar?

 

Bei der anschließenden Besprechung solcher Darbietungen wurde zunehmend der Präsentationsstil bedacht, so dass diese sich nach und nach zu Modulen für eine Gesamtführung entwickelten.

Als nächste Phase schloss sich in der Regel eine praktische Übung an, z.B. der Umgang mit Schiefertafel, Griffel und Schwamm, das Schreiben mit der Gänsefeder oder der Gebrauch von Stilus und Wachstafel. Die Kinder konnten sich entsprechendes Material ausleihen, um zu Hause weiter zu üben.

Nach einer Erfrischungspause folgte die Objektkunde. Die Mädchen und Jungen wurden mit Archivhandschuhen ausgestattet und erhielten jeweils zu zweit ein Objekt aus einem bestimmten Sammlungsgebiet, z.B. Kupferstiche des 18. Jahrhunderts mit Unterrichtsdarstellungen. Neben dem korrekten Umgang mit Originalen ging es auch um erste analytische Aspekte. Nach und nach wurde diese Phase zu einem Akt entdeckenden, forschenden Lernens, angestoßen durch die Aufforderung: Versucht herauszufinden, was es für ein Gegenstand ist, wozu er gedient haben könnte, wie man damit ursprünglich umgegangen ist, aus welcher Zeit er stammen könnte, was man daran bei einer Führung erklären oder demonstrieren könnte. Jede Partnergruppe trug ihre Vermutungen und Erkenntnisse vor, es wurde gefragt oder ergänzt, der Kursleiter konnte weiterhelfen, korrigieren und das Ergebnis in den schulgeschichtlichen Zusammenhang stellen.

Zur Vorbereitung der siebenten Kurseinheit gab es die Aufgabe, für sich alleine oder mit einem Partner/einer Partnerin ein Führungskonzept zu entwerfen. Die inhaltliche Fülle des Schulmuseums macht eine Auswahl und Schwerpunktbildung notwendig, der Einstieg kann an mehreren Punkten erfolgen, von den möglichen museumspädagogischen Aktionen können im vorgegebenen zeitlichen Rahmen höchstens drei umgesetzt werden, persönliche Neigungen dürfen eingebracht, die gesamte Ausstellung soll jedoch nicht aus den Augen verloren werden. Die Präsentation der Konzepte erfolgte in den drei letzten Sitzungen in einem Wechsel aus Bericht und Demonstration. In dieser Zeit wurden die Kursteilnehmer auch ermutigt, Freunde und Verwandte zu Probe- und Übungsführungen einzuladen, die an allen Öffnungstagen bei freiem Eintritt erfolgen konnten. Davon haben alle bis zum Abschluss des Kurses Gebrauch gemacht.

Worauf wir bei einer Museumsführung achten:

 

  • Führungsplanung: Wo beginnen wir? Wie verläuft der Weg? Wie teilen wir die Zeit ein? Wo geben wir Erklärungen, wo lassen wir die Besucher selbst erkunden? Welche Aktionen, welche Demonstrationen sollen eingebaut werden - welches Material benötigen wir dazu - wo wird es deponiert - tragen wir es mit uns? Gegebenenfalls Rollenverteilung zwischen den Partnern
  • Durchführung: Begrüßung, sich vorstellen, Hinweis auf das Programm
  • Sprache: laut genug, deutlich, nicht zu schnell
  • Stellung: selbst so, dass nichts verdeckt wird, Gruppe so, dass alle sehen können, was gezeigt wird
  • Nicht langweilig: Wechsel von Vortrag, Demonstration, Aktion, Selbsterkundung; für Kinder Suchaufgaben, Einblenden eigener Erfahrungen, Geschichten oder Anekdoten (auch von Oma und Opa) einflechten, Schülerstreiche aus früherer Zeit
  • Besucher zu Fragen ermutigen
  • Deutlicher Abschluss mit Dank und Abschied

 

Auf eine Abschlussprüfung wurde verzichtet, da der Kursleiter bei der überschaubaren Teilnehmerzahl und dadurch, dass alle immer wieder gefordert waren, einen guten Einblick in das Wissen und die Fähigkeiten der Kinder gewinnen konnte. Unter den Mindestanforderungen lag niemand, und weil sie sich auch selbst auf der Grundlage ihrer Erfahrungen bei den Probeführungen einer Ernstsituation gewachsen fühlten und bereit waren - der größere Teil im Zweierteam - eine Führung zu gestalten, konnten alle in den Kreis der Kinderführer einbezogen werden.

Im Rahmen einer kleinen Feier, zu der Eltern, Freunde, der Direktor des Gymnasiums, zwei Lehrer und die Presse eingeladen waren, erhielten die jungen Museumsführer ihr Zeugnis und als Anerkennung zwei Bücher. Für die Gäste war eine Fotoausstellung aufgebaut worden, die den gesamten Kursverlauf dokumentierte.

 


Praxis und erste Erfahrungen

Bei jeder ersten Führung war der Kursleiter selbst anwesend, hielt sich jedoch im Hintergrund, um einerseits in einer unvorhergesehenen schwierigen Situation als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen, andererseits aber Vertrauen in die Fähigkeiten der Schüler zu signalisieren. Nach der Führung stand er zu Bericht und Gespräch bereit.

Bei den sonntags angebotenen speziellen Kinderführungen gab es zwei im Vorfeld nicht beachtete Herausforderungen: Mit Kindern der anvisierten Altersgruppe kamen nicht selten jüngere Geschwister im Vorschulalter. Die davon betroffenen Kinderführer reagierten erstaunlich flexibel, indem sie den Kleinen beispielsweise statt Tinte und Feder eine Schiefertafel und Griffel anboten oder den älteren Bruder zu einer Art Hilfslehrer für die kleine Schwester ernannten. Es kam auch immer wieder vor, dass die Erwachsenen, die die Kinder gebracht hatten, oder auch andere Museumsbesucher als Zuschauer der Kinderführung folgten, allerdings nach Rückfrage und Zustimmung der jungen Führer, die den Wunsch nie verweigerten.

Bei einigen war nach kurzer Praxis das Selbstvertrauen erstaunlich entwickelt; einmal war das Angebot einer Kinderführung ohne Nachfrage geblieben. Die zwölfjährige Katharina begann - leicht enttäuscht - ihr vorbereitetes Material zurückzuräumen. Einige erwachsene Besucher kamen darüber mit ihr ins Gespräch und erfuhren von der ausgefallenen Kinderführung. Auf die Frage, ob sie statt der Kinder nicht die fünf Erwachsenen führen wolle, kam ein spontanes: "Warum nicht?" Nach über einer Stunde verabschiedete sich Katharina von den staunenden und sehr zufriedenen Besuchern.

Zwei Mädchen haben inzwischen in Absprache mit der Schulleitung an ihrer Schule Führungsangebote für Mitschüler organisiert und durchgeführt.

Leider kann nicht jede Nachfrage nach einer Führung durch Jungen oder Mädchen erfüllt werden, da deren zeitliche Belastung während der Schulwoche zuweilen groß ist oder die Fahrt aus einem der umliegenden Orte von und zum Museum nicht zu organisieren ist.

Für Frühjahr 2007 ist eine Nachschulung geplant, um die Kinder der Führungsgruppe mit der vorgesehenen Sonderausstellung vertraut zu machen.

Dem Schulmuseum liegen Interessebekundungen weiterer Kinder, z.T. jüngerer Geschwister, an einer Ausbildung und Mitwirkung vor. Wir haben sie vorläufig auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, um die Akteure der bestehenden Gruppe nicht zu selten zum Zug kommen zu lassen.

Abschließend kann festgestellt werden, dass sich der große in das Projekt "Kinder führen Kinder" investierte Aufwand gelohnt hat und das Schulmuseum bemüht ist, daraus eine bleibende Einrichtung zu machen.