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Jahrhunderte verhasst, heute verehrt: eine Kulturgeschichte des Nagers

Ausstellung im Schulmuseum Ottweiler

Jetzt online: Der Führer zum Teil der Sonderausstellung "Lernen mit der Maus

 

"Die Maus ist warm und hat einen hinterhältigen Charakter, weil sie immer davon läuft und sich versteckt." Hildegard von Bingen konnte an den kleinen Nagern nichts Niedliches finden. Waren doch Mäuse zu ihren Lebzeiten keine plüschigen Tröster oder lustige TV-Comic-Helden, sondern sehr reale Plagegeister.

In Massen trieben sie ihr Unwesen in Kornspeichern und im allgegenwärtigen Unrat. Als Überträger von Krankheiten wie der Pest waren sie zwar noch nicht enttarnt, aber Ekel und Abscheu erzeugten sie dennoch.

 

Hausfrau jagt Mausaus: Bach, Johannes - Die Silberfibel, 1955, S. 21

 

Die Redensart "Da beißt die Maus keinen Faden ab" geht auf die heilige Gertrude zurück: Am 17. März, dem Gertrudentag beginnt nach dem Bauernkalender der Frühling: Zeit, die Feldarbeit zu beginnen und Winteraufgaben wie das Spinnen niederzulegen. Wer jedoch die Spindel nicht aus der Hand legt, dem beißt eine Maus den Faden ab. "Gertrud mit der Maus, treibt die Spinnerinnen raus", heißt eine Variante der Bauernregel.

Trickreich bringt die kleine Maus den Menschen dazu, neues Futter für sie anzubauen. Als einfallsreich und clever gilt die Maus aber auch, weil sie so robust und anpassungsfähig ist. Sie kann sogar Feuer und Fluten überleben, scheint es. Hinter den früheren Mäuseplagen steckt vor allem eine hohe Fruchtbarkeit.

Eine Maus trägt nur rund 20 Tage und kann bis zu 15 Junge auf einmal werfen, also weit über 200 Nachkommen pro Jahr. Ob deshalb früher in manchen Kulturen, wie der persischen, Mausornamente den Brautschmuck zierten?

Die Volksmedizin suchte ebenfalls aus der Kraft der Mäuse zu schöpfen. Hildegard von Bingen empfiehlt gegen Fallsucht: Eine tote Maus ins Wasser legen und das Wasser dann trinken. Die alten Griechen schworen dagegen auf Mäusekot, der praktisch helfen sollte: Glatzen, Frostbeulen, Zahnschmerzen, Blasensteine oder einen zu starken männlichen Geschlechtstrieb. Unter die Wurst gemischt, soll der Kot auch Bettnässern in der Steiermark geholfen haben.

Zusammengetragen hat diese "Rezepte" Dieter Goergen, Museumspädagoge und Märchenforscher aus dem rheinhessischen Jugenheim. Seit Jahren sammelt der 57-jährige alles rund ums Thema Maus. Ein Teil seiner 5000 Exponate ist im Schulmuseum Ottweiler in der kulturgeschichtlichen Schau "Mäuse, Mäuse, Mäuse" zu sehen.

 

Mäuseschule

 

Den ewigen Kampf zwischen Katz und Maus haben bereits die alten Ägypter um 1400 vor Christus auf den Menschen übertragen. Mäusemassen, die gegen Katzenkönige rebellieren, sind auch beliebte Motive von Holzschnitten aus dem Spätmittelalter - Sinnbild für die Unterdrückten, das einfache Volk, das gegen die diktatorische Autorität kämpft und Vorläufer so mancher Fabel und politischer Karikatur. Das Motiv greift auch der US-Comic-Künstler Art Spiegelmann auf: Im Pulitzerpreis gekrönten "Maus" erzählt er von seinem Vater, einem Holocaust-Überlebenden. Vergangenheitsbewältigung mit Juden als Mäusen und Nationalsozialisten als Katzen.

Menschen können als Mäuse wiedergeboren werden. Das glauben nicht nur die Navajo-Indianer, bei denen die Maus Clan-Symbol ist. Die Verwandlung ist auch ein Sagenmotiv, das zeigt die Geschichte vom Mäuseturm in Bingen: Der geizige Mainzer Bischof Hatto hortete Korn und ließ sein hungerndes, rebellierendes Volk in eine Scheune stecken und verbrennen. "Hört nur, die Mäuse pfeifen". Soll er die Todesschreie zynisch kommentiert haben. Als Strafe quoll aus der brennenden Scheune eine riesige Schar Mäuse, verfolgte den Bischof, selbst übers Wasser bis in die höchste Stube des neu errichteten bischöflichen Turms auf der Rheininsel und fraß ihn auf.

Die Maus als Rächer, als Held, Das kleine, gewöhnliche Tier wächst durch seinen Einfallsreichtum über sich hinaus. Diese Wesenszüge des Tiers prägen seit dem Siegeszug der Maus im Comic auch heute unsere Einstellung zu den Nagern. Walt Disneys Micky Mouse machte den Anfang, im fiktiven Universum Entenhausen. Mit dem Bösen in menschlicher Gestalt durften sich dann Bernard und Bianca rumschlagen. Über sich hinaus wuchsen auch die schnellste Maus von Mexico "Speedy Gonzales", die der Katze Sylvester entfliehen musste, und der pfiffige Jerry, der in "Tom und Jerry" im Dauerclinch mit dem tumben Kater Tom lag. Eine Maus als Mensch wie du und ich und damit eine Lektion in Toleranz gegenüber Außenseitern zeigte der computeranimierte Kinoheld "Stuart Little". Und die jüngsten TV-Zeichentrickhelden in Mäusegestalt dürften sogar bei Tierschützern ankommen: "Pinky und Brain" sind zwei ehemalige Labormäuse, die nach Höherem streben.

 

Katzenschule

 

Als Kult gilt die Maus aber vor allem, seit immer mehr Erwachsene ihre Liebe zur überproportionierten, rostbraunen, augenklappernden, stummen und schulmeisterlichen WDR-Maus wieder entdeckten. Seither erwecken Mittdreißiger im Internet - per Mausklick vom Mousepad sozusagen - Jugenderinnerungen zum Leben. Wie die spitznasige, rotbackige "Maus auf dem Mars", die der Bayrische Rundfunk Mitte der 70er auf dem einsamen Planeten ausgesetzt hatte - nur mit rotweiß gestreiften Spazierstöcken aus Zucker als Trost.

Mäuse sind heute Stars. Flink, forsch, verwegen und einfach witzig. Sie taugen besser zum Kult als Katzen, die als allgegenwärtige Haustiere viel zu selbstverständlich, zu real und vor allem zu groß sind. Die Maus dagegen: Klein aber oho. Kein Wunder, dass sich der beliebte brasilianische FCK-Kicker "Ratinho", also Mäuschen nennt. Andererseits steht die "Zaubermaus" damit als Mann ziemlich alleine da. Männer lassen sich nicht "Mäuschen" nennen, höchstens "Mausebär". Als Kosewort taugt "Maus" und "Mausi" nur für Mädchen und Frauen. Ob damit aber auf Intelligenz und Stärke des vermeintlich schwachen Geschlechts abgehoben wird? Mausexperte Dieter Goergen zieht andere Schlüsse, leitet die Bedeutung vom schlüpfrigen "mausen" ab und folgt Sexualforscher Ernst Bornemann, der in "Sex im Volksmund" schreibt: "Niedersachsen betrachtet das Volk die Gebärmutter als lebendes Wesen. Im Braunschweigischen nannte man dieses Wesen "Maus"." In beliebter Pars-pro-Toto-Manier sei dieses Wort zur Bezeichnung für Frau an sich geworden.

 

Kater auf Schulwandbild aus: Zimmermann, Otto - Glück auf, erstes Lesebuch für Kinder des rheinischen Industriereviers, Hamburg, 1923, S. 77

 

Dieter Goergen spinnt im Katalog zur Ottweiler Ausstellung das Thema "Erotik-Maus" weiter: "Auf den Mäuesemarkt (Orte, um Mädchenbekanntschaften zu machen) geht man, um zu mausen, was einen Mausert (uneheliches Kind) zur Folge haben kann. (...) Dabei können graue Mäuse (farblose, unscheinbare weibliche Personen) kaum gefährlich werden, ganz im Gegensatz zum Mäusebussard (Sittenpolizist), den blauen Mäusen (Politessen) und den weißen Mäusen (Polizisten), die so mancher im Delirium sieht".

 

Kater jagt Maus aus: Frank, Erich - Fröhlicher Anfang, 1940, S. 10

 

Lernen mit der Maus

Auch in der Schule gibt es Mäuse. Nicht nur als Gegenstand des Biologieunterrichts, sondern auch in Märchen, Fabeln und Gedichten begegnen sie uns, oder auch als dekoratives Element der Schulbuchillustration. Vor allem im Anfangsunterricht wurde früher ihre motivierende Kraft pädagogisch genutzt. Der Ausstellungsteil "Lernen mit der Maus" zeigt, in welchen Bereichen und mit welchen Absichten Mäuse und ihre Verwandten in den Unterricht einbezogen wurden und wie sie sich auch in das Schulleben eingeschlichen haben.

 

Maus und Mieze, aus: Mein erstes Buch, S. 13