Altes Handwerk in der Schule

Von Horst Schiffler

Im Lehrplan der mittelalterlichen Schulen spielten Handwerksberufe als Thema keine Rolle. Die kirchlichen Schulen orientierten ihre Inhalte an den sieben freien Künsten mit dem Ziel das geistige Rüstzeug für Theologen, Juristen und Mediziner zur Verfügung zu stellen. Auch die städtischen deutschen Schulen, die zuweilen von Handwerkersöhnen besucht wurden, waren nicht darauf ausgerichtet, handwerkliche Qualifikationen zu vermitteln, sondern bestenfalls Kenntnisse in Kulturtechniken, die einem Handwerker bei der Führung seines Betriebs zugutekommen konnten. Enger mit Handwerk und Handel verbunden waren die Winkelschulen, kleine private Einrichtungen, in denen das Erlernen von Grundkenntnissen in Lesen, Schreiben und Rechnen angeboten wurde. Auf einem erhaltenen Aushängeschild eines Winkelschulmeisters von 1516 aus Basel sind Adressaten ausdrücklich angesprochen: „…er sei wer er will, Bürger oder Handwerksgesellen, Frauen und Jungfrauen…“. Ob Bedarf bestand und wie lange der Unterricht dauerte, entschied man selbst, eine Schulpflicht gab es noch nicht.Auch die mit der Reformation aufgekommenen Pfarr- und Küsterschulen, die sich in den reformierten Herrschaftsgebieten im 16. Jahrhundert verbreiteten und schon weite Teile der Bevölkerung erreichten, hatten ein Bildungsziel, das den im Glauben gefestigten und in der Gesellschaft integrierten Mitmenschen hervorbringen sollte; die Alltagswelt spielte als Unterrichtsinhalt kaum eine Rolle.

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Gutenberg schafft einen neuen Beruf.

Ein neues Kapitel der Schulpädagogik wurde durch den aus Niwaitz in Mähren stammenden Pfarrer, Lehrer und Bischof der Böhmischen Brüdergemeine Johann Amos Comenius aufgeschlagen, der zum bedeutendsten Pädagogen des 17. Jahrhunderts wurde. In einem 1629 – 1631 erschienen Werk zum Sprachenlernen vertritt er den Grundsatz, die Menschen sollten so viel als möglich angeleitet werden, ihr Wissen weniger aus Büchern als aus der Betrachtung „von Himmel und Erde“, also möglichst realer Dinge, zu schöpfen. Zur Unterstützung können auch Bilder herangezogen werden. Im Jahre 1658 veröffentlichte Comenius in Nürnberg ein Schulbuch, in welchem er seine pädagogischen Vorstellungen für den Unterrichtsgebrauch einsetzbar machte: "Orbis sensualium pictus – Die sichtbare Welt / Das ist Aller vornemsten Welt-Dinge und Lebens-Verrichtungen Vorbildung und Benahmung." Im Eingang bietet der Lehrer seinem Schüler an: "Ich will dich lehren mit Gott. Ich will dich führen durch alle Dinge, ich will dir zeigen alles, ich will dir benennen alles.“ Zu diesem umfassenden Programm gehörten die wichtigsten Tätigkeiten der Menschen und damit auch das Handwerk. Aus der Vielzahl der im 17. Jahrhundert hoch ausdifferenzierten Berufe hat Comenius eine Auswahl in das Unterrichtswerk aufgenommen: Barbier, Bierbrauer, Böttcher, Brotback, Buchdruckerey, Buchbinder, Döpfer, Fleischhau, Honig-Bau, Mäurer, Mühlwerk, Schmied, Schneider, Schreiner, Drechsler, Schuster, Seiler, Riemer und Zimmermann.

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Einige Themen beziehen sich auf das handwerkliche Arbeitsfeld, wie z. B. das „Mühlwerk“, „Die Gärtnerey“ und vermitteln allgemeine Einsichten in die dort ausgeübten Tätigkeiten. Alle Themen sind mit Holzschnitten illustriert, die wichtige Werkzeuge und Verrichtungen zeigen; kleine Ziffern im Bild korrespondieren mit Ziffern der entsprechenden Wörter im deutschen und fremdsprachlichen Text.

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Das Werk mit seiner Kombination aus Sachbuch und Sprachbuch hat sich über ganz Mitteleuropa verbreitet und blieb fast dreihundert Jahre in Gebrauch. Im bildbegleitenden Text wird das jeweilige Handwerk in seinen wesentlichen Merkmalen dargestellt; der Schüler soll Grundbegriffe und Funktionszusammenhänge kennen lernen, um seine Lebenswelt besser zu verstehen und sich sicherer in ihr zu verhalten. Aus der großen Zahl der Handwerksberufe wurden solche ausgewählt, die auch in kleineren Städten und auf dem Land anzutreffen waren und im Erfahrungsbereich vieler Schüler lagen. Beim Erscheinen der ersten Auflage des Orbis pictus war der dreißigjährige Krieg gerade zehn Jahre beendet; viele Gebiete in Deutschland lagen verwüstet und entvölkert. Das Schulwesen war dort vollständig zusammengebrochen. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich das soziale Leben wieder normalisiert hatte. Während die Schulen bisher eng an die Kirche gebunden waren und ihr Besuch von der Autorität der Kirche und der Pfarrer abhing, erkannten die absolutistischen Landesherren, dass eine allgemeine Volksbildung dem Wohl ihrer Länder nützen könnte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde nach und nach die Schulpflicht eingeführt, die Volksschulen durch staatliche – nicht mehr kirchliche – Schulordnungen geregelt und mit einer systematischen Ausbildung der Lehrer begonnen. Das 18. Jahrhundert brachte eine spürbare Ausweitung der städtisch-bürgerlichen Kultur; neue Bedürfnisse entstanden, was dazu führte, dass sich das Handwerk weiter ausdifferenzierte. Durch die Ideen der Aufklärung erhielt auch die Pädagogik neue Impulse, manche Landesherren förderten Muster- und Versuchsschulen, in denen neue Bildungskonzepte und Methoden erprobt wurden. Einer der bedeutendsten pädagogischen Reformer dieser Epoche war Johann Bernhard Basedow (1724 – 1790). Von Fürst Leopold Friedrich von Dessau wurde er 1771 nach dort berufen, um eine Musterschule, das Philanthropin, nach seinen pädagogischen Vorstellungen zu gründen. In diesem Zusammenhang erschien 1774 das „Elementarwerk – Ein geordneter Vorrath aller nöthigen Erkenntniß. Zum Unterricht der Jugend, zur Belehrung der Eltern, Schullehrer und Hofmeister, zum Nutzen eines jeden Lesers.“ Zu den Textbänden gehört „eine Sammlung von 100 Kupfertafeln“ mit über 300 Einzelbildern. Gemäß dem Anspruch einen „geordneten Vorrath aller nöthigen Erkenntnis“ zu bieten, durften auch Unterrichtseinheiten mit Bildern zu wichtigen Handwerksberufen nicht fehlen.

Im Unterschied zu Comenius geht es Basedow nicht nur um Begriffsbildung, Sprachunterricht und Einsicht in Lebenszusammenhänge, er verbindet mit den Handwerksberufen Vorbilder für Tugenden, Einstellungen und richtiges Verhalten. Es heißt beispielsweise in einem Begleittext: „Sie machen für uns Wiegen, Bettstellen, Tische, Stühle, Schränke, Kasten,

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Särge und viele Teile unserer Wohnungen. Alles dieses erfordert Fleiß, Übung und Einsicht…..“

Beim Schmied lesen wir: „Unter diesen Männern gibt es große Künstler, welche feine Arbeit machen, wozu viel Erfindsamkeit und Sorgfalt gehört….. Alle diese Männer sind achtbar, selbst in ihren von Arbeit schmutzigen Kleidern….Es gibt auch unter den Schmieden und anderen Arbeitern am Metalle Exempel vorzüglicher Weisheit und Tugend.“ Dann folgt die Geschichte von einem Schmied, der einem Unbekannten auch gegen hohen Lohn die Anfertigung eines Dietrichs verweigerte, weil er vermutete, der wolle damit Einbrüche verüben. Die Handwerkerbilder des Elementarwerks sind durch die Technik des Kupferstichs viel naturalistischer und detailreicher als im Orbis pictus. Doch auch wie in diesem handelt es sich nicht um Momentaufnahmen des handwerklichen Prozesses, sondern um Kompositionen, die möglichst viele charakteristische Elemente des Berufs sichtbar machen sollen.

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Basedow hat sein Elementarwerk für Schüler mit höherem Bildungswunsch bestimmt, das inhaltliche Niveau geht deutlich über das des Volksschullehrplans hinaus, außerdem hätte sich der größte Teil der Bevölkerung das teure Werk nicht leisten können. Die Schüler, die es benutzen, werden mit Handwerksberufen unmittelbar wenig zu tun bekommen, aber es wird für sie von Vorteil sein, wenn man diese Tätigkeiten als Bestandteile der eigenen Lebenswelt besser begreift.

Die Entwicklung von Naturwissenschaften und Technik sowie neue gesellschaftliche Bedürfnisse erweiterten im ausgehenden 18. Jahrhundert den Bildungsanspruch. Das Angebot der Gymnasien, die sich aus den Lateinschulen zu entwickeln begannen und immer noch ein humanistisches, sprachbetontes Curriculum pflegten, wurde für neu entstehende Studien- und Berufsfelder als unzureichend und falsch gewichtet angesehen. Auf der anderen Seite bot auch die Volksschule mit ihrem im wesentlichen auf Religion und die Kulturtechniken begrenzten Angebot keine hinreichenden Grundlagen für die entstehenden wirtschaftlichen Herausforderungen. Es gab im Laufe des 18. Jahrhunderts immer wieder einzelne Versuche, Schulen zu gründen, die den neuen Bedürfnissen besser gerecht werden sollten. Christoph Semler startete schon 1706 ein Schulprojekt, dem er den Namen „Mathematische und mechanische Realschule“ gab; in seinen Schriften taucht auch die Bezeichnung „Mathematische Handwerksschule“ auf. Ursprünglich war sie als eine Art Erweiterung der Volksschuloberstufe gedacht, später dehnte er sie auch zeitlich über das Volksschulalter aus.[1] 1747 gründete Johann J. Hecker in Berlin eine „Oekonomisch – mathematische Realschule“. Diese fand sogar die Förderung Friedrichs II. und kann als Vorläufer der späteren Realschulen angesehen werden. Auch unter der Bezeichnung „Bürgerschulen“ traten im 18. Jahrhundert Schulen auf, die nicht auf ein Universitätsstudium vorbereiten, aber über das Niveau der Volksschulen hinausführen sollten. Der sich darin dokumentierende aufkeimende neue Geist im Bildungssystem ist ein Grund dafür, dass dem Handwerk als Bezugspunkt größere Aufmerksamkeit zuteilwurde. Vor diesem Hintergrund muss ein Unterrichtswerk gesehen werden, das der Schweinfurter Pfarrer und Pädagoge Johann Peter Voit 1788 veröffentlichte: „Fassliche Beschreibung der gemeinnützlichsten Künste und Handwerke für junge Leute“.

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Er geht aus von dem Wunsch „…dass man in Teutschland….fortfahren möge, die Erziehung des künftigen Handwerkers und Künstlers von der Erziehung des künftigen Gelehrten und bloßen Studierten zu unterscheiden…“ durch ein Angebot an verschiedenen Schulformen, nämlich Bürgerschulen und Gelehrtenschulen. Man soll „den künftigen Bürgern eine bürgerliche Erziehung angedeyhen lassen.“ Voit erhofft sich, dass „durch solche liberale Erziehung manches Vorurtheil gegen Handwerker und Künstler vertilgt, und diese höchst nützliche und unentbehrliche Klasse von Menschen mehrerer Achtung gewürdigt, auch mit manchem Mitgliede vermehrt werde, das bey der Erwählung einer solchen Lebensart in der Zukunft seines Lebens mehr Zufriedenheit genösse…“ (Vorrede zur ersten Ausgabe).

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Das bisher übliche Unterrichtsangebot müsse ergänzt werden durch eine kurze Unterweisung in den Künsten und Handwerken; die Darstellungen der Handwerke in Bild und Text in seinem Buch sollten ergänzt werden durch Werkstattbesuche. So könne die Berufswahl nach „ihren verschiedenen Neigungen desto leichter und ungezwungener“ erfolgen. In dem zweibändigen Schulbuch werden 96 Handwerksberufe in Bild und Text vorgestellt. Die Kupferstiche von Ambrosius Gabler (1762 – 1834) aus Nürnberg zeigen die Handwerker und ihre Mitarbeiter bei charakteristischen Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Spezielle Werkzeuge und Produkte werden an exponierter Stelle ins Bild gesetzt. Auch Kunden bzw. Auftraggeber können in der Szene erscheinen. Die Darstellungen wirken sehr realistisch, Anschauungsmöglichkeiten hat es für den Künstler in Nürnberg genug gegeben.

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Die meisten Texte folgen einem inhaltlichen Grundschema: Allgemeine Würdigung und historische Herkunft, Ausgangsmaterial, Produkte, Werkzeuge und besondere Hilfsmittel, Merkmale der Tätigkeit, gegebenenfalls mit dem Handwerk verbundene Sitten und Gebräuche, Anforderungen an das Meisterstück. Lehrer wie Schüler konnten sich einen guten Einblick verschaffen.

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In dem Kapitel zum Goldschmied wird gezeigt, wie ein Werkstattbesuch ablaufen könnte: „Magister Fuchs und seine Schüler Christian und Fritz“.

Aus gegebenem Anlass besucht der Lehrer einen Goldschmied, zwei Schüler dürfen ihn begleiten. In einem Gespräch unter den Beteiligten in Verbindung mit konkreter Anschauung entwickelt sich eine Einführung in die wichtigsten Merkmale dieses Handwerks:

Magister (nach der Begrüßung): Sie verzeihen, dass ich diese Kinder zu ihnen führe; sie wollen sich bei ihnen ein wenig umsehen und ihre schönen Arbeiten betrachten.

Goldschmied Maier: Es ist mir eine Ehre, Herr Magister, dass sie mich besuchen; ich bin zu ihrem Befehle.

Christian und Fritz: „Sie werden sich uns sehr verbindlich machen, wenn sie uns mit ihrer Kunst bekannt machen wollen: Vielleicht bekommt einer von uns dadurch Lust, bei ihnen dereinst in die Lehre zu treten.“

Goldschmied Maier: „Das würde mir sehr lieb seyn; denn so gut vorbereitete Kinder können es mit der Zeit sehr weit bringen.“

Christian und Fritz: O, erzählen sie uns doch, was sie zu ihrer Kunst nöthig haben.

In diesem Dialoganfang wird ein wesentlicher Gesichtspunkt der Absicht dieser Pädagogik zum Ausdruck gebracht: Information über das Handwerk als Motivation und Entscheidungshilfe für die richtige Berufswahl.

Was von J. P. Voit mit seinem Handwerkerschulbuch angestoßen worden war, blieb einige Jahrzehnte aktuell. Der Tübinger Lehrer am dortigen Lyzeum Jakob Eberhard Gailer veröffentlichte 1832 einen "Neuen Orbis pictus für die Jugend - nach der früheren Anlage des Comenius bearbeitet und dem jetzigen Zeitbedürfnisse gemäß eingerichtet“. [2] Er beschreibt als Ziel: „Die Jugend wird in die Kenntnis der Natur, der Gewerbe, und Künste und alles dessen, was im täglichen Leben vorkommt, eingeführt, und ihr zugleich ein gutes Hilfsmittel an die Hand gegeben in der lateinischen Sprache – und im Französischen…..sich zu vervollkommnen.“[3] Von den 322 Themen, die in Bild und Text vorgestellt werden, sind fast 100 den Handwerksberufen gewidmet, was belegt, dass das Anliegen Voits auch von Gailer geteilt wird und welche gesellschaftliche Bedeutung dem Handwerk in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zukam. Als grafische Technik

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benutzt Gailer die inzwischen neu erfundene Federlithografie, die, wie der Kupferstich, eine detailgenaue naturalistische Darstellung erlaubt. Die Bilder zeigen meist typische Werkstattszenen mit den dazugehörigen Werkzeugen und Geräten. Manche Grafiken sind in bis zu vier kleine Teilbilder zerlegt, die mehrere Stadien eines Herstellungsprozesses wiedergeben oder verwandte Berufe kombinieren.

Die Texte sind umfangreicher als bei Comenius und enthalten manchmal sogar kulturgeschichtliche Hinweise, wie z. B. beim Perückenmacher: „Die Perücken, welche wir kennen, sind eine Erfindung des letzten Jahrhunderts und waren immer der Mode sehr unterworfen. Seit vierzig Jahren besonders ist das Handwerk des Perückenmachers sehr herunter gekommen… Aber die Frauenzimmer geben ihm immer noch viel zu thun…“ Im Unterschied zu Comenius verzichtete Gailer auf die Ziffern in Bild und Text. Noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts entstanden Bücher, die vom Orbis pictus des Comenius inspiriert sind, zum Teil jedoch in der formalen Gestaltung und in der Zielsetzung neue Wege gehen.

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Der „Orbis pictus. Ein Volksbuch für Jung und Alt“ von E. F. Kaufmann[4] ist einsprachig, verzichtet also auf den Anspruch eines Sprachbuchs. Die deutschen Texte sind noch ausführlicher, sie werden durch 506 Abbildungen illustriert, davon sind nur noch 36 Handwerksdarstellungen mit den zugehörigen Beschreibungen. Was auffällt, ist darüber hinaus die stärkere Berücksichtigung von Fabrikationseinrichtungen und Manufakturen, ein Indiz für die sich ausbreitende Industrialisierung. Dies findet auch seinen Ausdruck in Kapitelüberschriften wie „Spiegelfabrikation, Schießpulverfabrikation, Schmelz- und Hammerwerke“. Die immer noch hohe Wertschätzung des Handwerks wird in folgender Aussage deutlich: „Glücklich zu preisen ist der Staat, in welchem unter dem Schutz und der Leitung einer weisen und väterlichen Regierung die Gewerbe blühen. Durch sie erhöht sich von Tag zu Tag der Wohlstand und das Glück des Landes, tausend arbeitssame Hände werden dem Müßiggang und seinen traurigen Folgen entrissen, ein fröhlicher Wetteifer bringt nützliche Erfindungen zu Tage, der Handel belebt sich, ein freundschaftlicher Verkehr mit den Nachbarvölkern kommt zu Stande und befestigt den segensreichen Frieden".[5]

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Auch wenn sich der Titel an einen großen Leserkreis wendet, soll das Buch in Volks- und Bürgerschulen Verwendung finden. Das Ziel der Berufsorientierung, die bei Voit und Gailer unverkennbar war, tritt bei Kauffmann stärker in den Hintergrund.

1776 erschien das erste weltliche Lesebuch für Volksschulen, „Kinderfreund“ von Friedrich Eberhard von Rochow; es sollte nicht nur ein Übungsbuch für Lesen sein, sondern mit seinen Texten „allerlei gemeinnützige Kenntnisse und sittliche Belehrungen vermitteln und zur Ausrottung des Aberglaubens“ beitragen. In den folgenden Jahrzehnten entstanden in den deutschen Ländern nach diesem Vorbild Nachfolgewerke wie „Der deutsche Kinderfreund“ oder „Preußischer Kinderfreund“ mit vergleichbaren Bildungszielen. Es wäre zu erwarten, dass in solchen Lesebüchern auch dem Thema „Handwerk“ ein Platz eingeräumt worden wäre, aber man sucht es dort vergebens. Ebenso wenig findet es Berücksichtigung in den neu aufgekommenen Realienbüchern. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts werden einzelne Handwerksberufe in diese Bücher aufgenommen und zum Gegenstand unterrichtlicher Beschäftigung.

Einen deutlicheren Niederschlag findet die Welt des Handwerks nach 1800 in den Rechenbüchern.[6] Während bis dahin in diesen fast nur Übungen reiner Rechenoperationen anzutreffen waren, kommen nun zunehmend Aufgaben mit einem Bezug zum realen Leben, sogenannte angewandte Aufgaben, dazu. In ihnen ist auch die handwerkliche Berufswelt vertreten,

es begegnen uns außer den heute noch ausgeübten Handwerken solche, die damals verbreitet waren wie Seifensieder, Lohgerber, Nagelschmied, Zinngießer, Fassbinder, Ziegelbrenner. Aus den Aufgaben erfahren wir oft interessante Details über die Umstände der Arbeit wie übliche Arbeitszeiten, Preise oder Lieferanten von Rohstoffen. Beispiel einer Rechenaufgabe: Ein Schmied hat einem Wagner 360 Eggezinken geliefert. Wie viel Eggen kann dieser damit versehen, wenn er zu jeder 24 gebraucht? In einem Rechenbuch des St. Wendeler Lehrers Philipp Sauer aus dem Jahre 1834 lesen wir: An einem Gebäude verdienen Schlosser, Schreiner und Zimmermann zusammen 600 Gulden. Davon erhält der Schlosser 160 Gulden 40 Kreuzer, der Schreiner 180 Gulden 20 Kreuzer. Wie viel erhält der Zimmermann? [7]

In Fibeln für die Leseanfänger findet man Beispiele ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als Teil der Erfahrungswelt der Kinder bietet die Handwerkssituation Anlass für Sprach-, Lese-und Begriffsbildungsübungen.

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Das Kind in Haus, Schule und Welt. Fibel 1903

Wenn die Schüler die Lesetechnik erworben haben, treten längere Texte auf, die illustriert sein können. Sie dienten auch dem damals neu eingeführten Anschauungsunterricht, in dem es um Sprachbildung und ein besseres Verstehen der Umwelt ging.

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Hessische Fibel 1912

In den weiteren Klassen bis zur Mittelstufe bleibt der Gegenstand erhalten und findet in Sachtexten oder moralisierenden Lesestücken seinen Niederschlag, so zum Beispiel in „Mein zweites Lesebuch, 2. Teil: für die Mittelstufe“[8]

Was soll aus Hänschen werden

Hänschen will ein Tischler werden, ist zu schwer der Hobel,

Schornsteinfeger will er werden, doch ihm scheint`s nicht nobel;

Hänschen will ein Bergmann werden, mag sich doch nicht bücken.

Hänschen will ein Müller werden, doch die Säcke drücken:

Hänschen will ein Weber werden, doch das Garn zerreißt er,

immer, wenn er kaum begonnen, jagt ihn fort der Meister.

R. Löwenstein.

 

Eine am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Reformströmung war die Arbeitsschulbewegung, die den Bildungswert konkreter Arbeitsprozesse im Unterricht propagierte. Es wäre zu erwarten, dass von ihr auch eine besondere Beziehung zu handwerklichen Berufen ausgegangen wäre, doch es entwickelten sich nur schwache Kontaktstellen, beispielsweise durch die Erwartung eines Beitrages zur leichteren Berufsfindung oder durch die Anregung, Handwerker zu besuchen und sie bei ihrer Arbeit zu beobachten. Die Repräsentation handwerklicher Berufe in Unterrichtsmedien erfährt keine Steigerung, es ist eher Zurückhaltung festzustellen; in den Lesebüchern ab dem 5. Schuljahr taucht fast nur noch der Buchdruck in Zusammenhang mit Johannes Gutenberg als kulturgeschichtlicher Inhalt auf. Damit einher geht manchmal eine nationalistische Überhöhung und Symbolisierung, die sich vor allem nach dem Krieg gegen Frankreich und der Reichsgründung 1871 entwickelte und in verschiedenen Unterrichtszusammenhängen zum Ausdruck kam.

In dem Lesebuch "Von der Schule ins Leben", um 1914/15, fällt das Bild eines hammerschwingenden Schmieds vor einer offenen Landschaft ins Auge, der ein Schwert schmiedet; auf einem Schriftband ist zu lesen: "Wir fürchten Gott und sonst nichts". Kontext der Darstellung ist ein Gedicht mit dem Titel "Bismarck", in dem der Reichsgründer mit einem Schmied verglichen wird:

 

Am Amboss stand ein weiser Schmied.

Siegrunen sprach er und sang ein Lied,

Gar eine gewaltige Weise.

Er schwang den Hammer Tag für Tag,

Die Völker hörten seinen Schlag

Im ganzen Erdenkreise…

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Diese ideologische Vereinnahmung, die nach dem ersten Weltkrieg kaum noch in Erscheinung trat, wurde nach 1933 neu belebt. Nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus finden sich wieder mehr handwerksbezogene Themen in Grundschulbüchern, vor allem in Fibeln. In der NS-Ideologie ist das Handwerk wie das Bauerntum ein Bestandteil der Volksgemeinschaft, auf die hin die Bildungsziele der Schule ausgerichtet sind. Die Schüler „……sollen sich schon mit Stolz bewusst werden, zu dem Teil der Volksgemeinschaft zu gehören, in dem sie später als Schaffende die Verantwortung für das Ganze mit zu tragen haben.“[9]

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In der Fibel „Der kleine Saarpfälzer“ von 1937 werden Schmied, Schreiner, Schuster und Schneider sogar im Foto bei der Arbeit gezeigt und zum „Tag der Nationalen Arbeit“ gibt es ein Bild mit dem Maibaum als Handwerkerbaum, im dazugehörigen Gedicht heißt es:

Das ist ein Tag besondrer Art,

er will die deutsche Arbeit ehren

Sie schenkt den Kindern Milch und Brot.

Sie hütet uns vor bittrer Not.

In Lesebüchern für höhere Schulen sind kulturgeschichtliche Texte enthalten, in denen das alte Handwerk mit seinen oft staunenswerten kunsthandwerklichen Produkten als Zeichen deutschen Wesens gefeiert wird, wie das folgende Beispiel zeigt:

 

 

Ehret das Handwerk

von Ottokar Kernstock

 

Ehre, deutsches Volk, und hüte

treulich deinen Handwerksstand!

Als das deutsche Handwerk blühte,

blühte auch das deutsche Land,

Rühr dich, deutscher Mann, und merk,

Handwerk heißt: die Hand ans Werk!

Ritter ohne Furcht und Tadel,

ohne Furcht vor dem Misslingen,

ohne Tadel beim Vollbringen.

Mit Fleiß erdacht, in Schweiß vollbracht -

hat deutsches Handwerk groß gemacht.

Deutsche Meister, übt und wahrt

deutsche Arbeit, deutsche Art.

Aus: Lesebuch "Von deutscher Art", Frankfurt a.M. 1939

Der Unterrichtsfilm erfährt in dieser Zeit eine besondere Förderung; bei den zahlreichen Produktionen finden sich auch Filme, die Handwerksberufe zum Thema haben. Am Beispiel des Films "Der Seiler" von 1936, der handwerkliche Seilherstellung zeigt, wird der ideologische Anspruch deutlich; denn obwohl die Seilproduktion kaum noch handwerklich erfolgte, gehörte die Bewahrung und Verherrlichung alter Handwerkstradition mit ihren Werten zum nationalen Kulturverständnis und sollte in der Schule überliefert werden.

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Der kleine Saarpfälzer, Fibel, 1937

Nach dem zweiten Weltkrieg versuchte man, wieder an der Schulpädagogik der Weimarer Zeit anzuknüpfen. Dabei fällt auf, dass während der ersten zwanzig Jahre eine rückwärtsgewandte heile Welt in kleinstädtisch-ländlichem Milieu vor allem in Grundschulbüchern Bilder und Texte bestimmt; auch handwerkliche Themen aus der kindlichen Erfahrungswelt werden in diesem Sinne behandelt.

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Im Heimatkundeunterricht sind die Handwerker der alltäglichen Umwelt wie Schornsteinfeger, Bäcker, Schuhmacher oder Schmied Gegenstand des Unterrichts. Zur Veranschaulichung erscheinen noch bis in die 60er Jahre

Schulwandbilder zu handwerklichen Themen. Vergleiche mit Bildern gleicher Themen aus früherer Zeit sind kulturgeschichtlich aufschlussreich, da sie die Entwicklung, die sich im jeweiligen Handwerk vollzogen hat, sichtbar werden lassen.

Für Grundschüler gab es einen weiteren Anknüpfungspunkt, um sich mit handwerklicher Tätigkeit zu beschäftigen, nämlich Märchen, in denen bestimmte Handwerke thematisiert werden, wie "Das tapfere Schneiderlein", "Die drei Brüder" oder "Tischlein, deck dich" mit Schneider, Tischler, Müller und Drechsler als handelnden Personen. Diese waren nicht nur als Lesetext, sondern in Gestalt von Schulwandbildern oder Diaserien verfügbar.

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Tischlein deck dich, Schulwandbild, um 1910

Seit dem 19. Jahrhundert tritt ein Medium auf den Plan, das sich als schulvorbereitendes oder -begleitendes Bildungsmittel versteht, das Anschauungsbilderbuch. Die oft mit farbigen Bildern ausgestatteten Bücher waren teuer und deshalb vor allem Kindern aus wohlhabenden Bevölkerungsschichten zugänglich. Handwerksdarstellungen sind darin häufig vertreten, oft verbunden mit passenden Gedichten.

Da die Verlage meist angesehene Illustratoren mit der Gestaltung beauftragten, bieten diese Bilder nicht selten anschauliche und stimmungsvolle Einblicke in die Welt des Handwerks.

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Die zwölf Handwerker, 1910

Die Schulreformen ab etwa 1970 brachten eine Modernisierung der Inhalte und die Wissenschaftsorientierung der Didaktik; nun gehört Handwerk nicht mehr notwendig zum thematischen Inventar. Wenn es in der allgemeinbildenden Schule auftritt, hat es meist nur noch einen indirekten Bezug, indem am Beispiel eines Handwerks oder Handwerkers soziale und

allgemein menschliche Probleme aufgezeigt werden. Deutlich wird auch die Veränderung in der handwerklichen Berufswelt selbst: An die Stelle des Schmieds tritt der Kfz-Mechaniker, an die Stelle des Buchdruckers der Mediengestalter. Die vierhundertjährige Präsenz des Handwerks als Bildungsgegenstand der Schule spiegelt die Entwicklung und sich verändernde Bedeutung, wie auch die gesellschaftliche Wahrnehmung dieses bedeutenden kulturellen Phänomens.

 

Handwerkergedichte aus Fibeln und Lesebüchern

 

Die Handwerker

Wer will fleißige Handwerker sehn,

der muss zu den Kindern gehn.

Stein auf Stein, Stein auf Stein,

das Häuschen muss bald fertig sein.

O, wie fein, o, wie fein,

der Glaser setzt die Scheiben ein.

Tauchet ein, tauchet ein,

der Maler malt die Wände fein.

Zisch zisch zisch, zisch zisch zisch,

der Tischler hobelt einen Tisch.

Tripp trapp drein, tripp trapp drein,

jetzt ziehn die fleiß’gen Leute ein.

Stich stich stich, stich stich stich,

der Schneider näht ein Kleid für mich.

Poch poch poch, poch poch poch,

der Schuster nagelt zu das Loch.

Rühr rühr ein, rühr rühr ein,

der Kuchen wird bald fertig sein.

Hopp hopp hopp, hopp hopp hopp,

wir tanzen alle im Galopp.

Fibel "Fröhlicher Anfang"

 

 

Das dumme Hänschen

Hänschen will ein Tischler werden,

ist zu schwer der Hobel;

Schornsteinfeger will er werden,

doch das ist nicht nobel;

Hänschen will ein Bergmann werden,

mag sich doch nicht bücken;

Hänschen will ein Müller werden,

doch die Säcke drücken;

Hänschen will ein Weber werden,

doch das Garn zerreißt er.

Immer, wenn er kaum begann,

jagt ihn fort der Meister.

Hänschen, Hänschen, denke dran,

was aus dir noch werden kann!

Hänschen will ein Schlosser werden,

sind zu heiß die Kohlen;

Hänschen will ein Schuster werden,

sind zu hart die Sohlen;

Hänschen will ein Schneider werden,

doch die Nadeln stechen;

Hänschen will ein Glaser werden,

doch die Scheiben brechen;

Hänschen will Buchbinder werden,

riecht zu sehr der Kleister.

Immer, wenn er kaum begonnen,

jagt ihn fort der Meister.

Hänschen, Hänschen, denke dran,

was aus dir noch werden kann!

Hänschen hat noch viel begonnen,

brachte nichts zu Ende;

drüber ist die Zeit verronnen,

schwach sind seine Hände.

Hänschen ist nun Hans geworden,

und er sitzt voll Sorgen,

hungert, bettelt, weint und klagt

abends und am Morgen.

„Ach, warum nicht war ich, Dummer,

in der Jugend fleißig?

Was ich immer auch beginne,

dummer Hans nur heiß ich.

Ach, nun glaube ich selbst daran,

dass aus mir nichts werden kann!“

Lesebuch 2. Schuljahr "Macht auf das Tor"

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Der Schlosser

Lustig, Schlosser, hämmre fein,

Eisen muss gehämmert sein.

Willst du’s brauchbar machen,

dient’s zu vielen Sachen.

Darum hämmre frisch drauf los,

Arbeit macht dich stark und groß.

Willst du tüchtig werden,

scheue nicht Beschwerden!

Wirst dann einst ein Ehrenmann,

der gar vieles machen kann.

Lass das Eisen glühen

und die Funken sprühen!

Fibel, Wien 1899

 

Der Tischler

Der Tischler hobelt frisch;

macht er wohl einen Tisch?

Der Tische braucht man viele

zur Arbeit und zum Spiele,

zum Lernen und zum Essen,

das hätt‘ ich bald vergessen.

Der Tischler hobelt frisch;

macht er wohl einen Tisch?

Der Tischler, ohne Ruh‘,

er hobelt immer zu.

Man braucht auch viele Wiegen,

darin die Kindlein liegen.

Es gibt so viel der Kleinen,

die immer schrei’n und weinen.

Der Tischler, ohne Ruh‘

er hobelt immer zu.

Der Tischler mehr noch macht,

was ich noch nicht bedacht:

Gestelle, Stühl‘ und Schränke

und für die Schul‘ die Bänke

und Kisten viel und Kasten;

da kann er denn nicht rasten.

Und alles ist von Holz;

das ist des Tischlers Stolz.

Fibel, Wien 1899

 

 

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Der Bäcker

Wenn alles schläft in stiller Nacht,

der Bäcker bei der Arbeit wacht;

Lehrbursch und Gesellen,

sie ordnen, sie stellen

und bringen herbei

Mehl, Hefe und Ei,

Milch, Wasser und Salz,

auch Butter und Schmalz.

Es wird geknetet und gewogen,

gerollt, geformet und gebogen

zu Kipfeln , Brezeln, groß und klein;

auch Kuchen, Zwieback, grob und fein,

muss alles in den Ofen kommen,

und fertig wird’s herausgenommen.

Wenn’s Kindlein dann vom Schlaf erwacht,

ist’s Frühstück schon zurecht gemacht.

Fibel, Wien 1899

 

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ABC-Backmodel

 

 

Der Schmied

Bei der Schmiede bleib‘ ich stehen,

um dem Schmiede zuzusehen,

der den schweren Hammer schwingt,

dass es weithin schallt und klingt,

dass umher die Funken fliegen

und das Eisen sich muss schmiegen.

Ei, das ist ein starker Mann,

der das Eisen zwingen kann!

Fibel, Wien 1899

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Das Ständebuch, 1912

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Kupferstich 1788

 

Der Fass-Binder

Ich bin der Binder, ich binde das Fass,

Wohl wird mir beim Binden die Stirne oft nass.

Doch hurtig und munter die Reifen herum,

Und dann mit dem Hammer gewandelt rund um.

Rund um, rund um!

Ich bin der Binder, ich binde das Fass

So fröhlich und flink, als wär‘ es nur Spaß.

Und mach‘ ich dabei auch den Rücken oft krumm,

So ist es doch lustig, zu wandeln rund um.

Rund um, rund um!

Fibel, Wien 1899

 

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Kupferstich 1788

 

Die Schreinersleute

Wir stehen an der Hobelbank

und hobeln alle Bretter blank.

Flitsch, flitsch, fleite,

was hobeln wir denn heute?

Ein Bänkchen, auf dem man stehen kann,

ein Fenster, daraus man sehen kann,

einen Zaun um den Garten,

darauf die Spatzen morgens früh

auf die Sonne warten

Fibel „Gute Kameraden“ 1938

 

Abzählreime

Schmied, Schmied, Schmied,

nimm dein Hämmerlein mit!

Wenn du willst ein Pferd beschlagen,

musst dein Hämmerlein bei dir tragen.

Schmied, Schmied, Schmied,

nimm dein Hämmerlein mit!

Wollt ein Schmied ein Pferd beschlagen.

Wieviel Nägel muss er haben?

Drei, sechs, neun.

Jung‘, hol Wein!

Knecht, schenk ein!

Herr, trink aus!

Du bist draus. Fibel "Gute Kameraden" 1938

 

Der Schmied

Ich höre den Schmied.

Den Hammer er schwinget,

das rauschet, das klinget,

das dringt in die Weite

wie Glockengeläute

durch Gassen und Platz.

Am schwarzen Kamin

die Gesellen sich mühn.

Und geh ich vorüber,

die Bälge dann sausen,

die Flammen aufbrausen,

das Eisen zu glühn.

Saarländisches Lesebuch für die 2. Klasse, um 1922

 

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Die zwölf Handwerker, 1910

 

 

Der Hufschmied

Kling, klang, kling di wing,

wir hämmern ein Stück Eisen.

Kling, klang, kling di wing,

der Bauer geht auf Reisen.

Kling, klang, kling di wing,

sein Rößlein muß beschlagen sein.

Drum hämmern wir beim Funkenschein

acht Nägel in den Huf hinein.

Kling, klang, klapp

nun fällt’s nie mehr ab.

 

 

 

 

 

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Der kleine Saarpfälzer, Fibel 1937

 

 

 

Schornsteinfeger

Herrjeh, wer kommt denn da hervor?

Der ist ja schwärzer als ein Mohr,

trägt einen Besen wohlgemut

und oben den Zylinderhut.

Das ist das Schornsteinfegerlein,

es macht die Essen alle rein,

kehrt den Kamin in jedem Haus

und guckt zum Schornstein oben raus.

Dort oben ist es wunderschön,

man kann die ganze Welt beseh’n,

sieht jedes Haus und jeden Strauch,

und unsere Schule sieht man auch.

Ach, liebe Mutter, sei so gut

und kauf mir den Zylinderhut,

auch einen Besen, nicht zu klein!

Ich möchte Schornsteinfeger sein!

Westmark-Fibel,

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Beim Schuhmacher, Die zwölf Handwerker, 1910

 

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Kupferstich 1788

 

Schneider, näh mir Kleider!

Schneider, Schneider, näh mir Kleider,

nicht zu eng und nicht zu weit,

nicht zu lang und nicht zu breit,

spare nicht mit deiner Kreide,

füttre sie mit weicher Seide,

näh mir blanke Knöpfe dran,

dass ich werd ein feiner Mann.

Schneider, Schneider, zwick, zwick, zwick,

stopf mit einem blauen Flick

das große Loch in meinem Rock,

sonst kommt die Mutter mit dem Stock

und klopft die Hose windelweich.

O, guter Schneider, hilf mir gleich.

"Der kleine Saarpfälzer", 1937

 

 

Der Bäcker

Liebe Leute, kommt gelaufen!

Nein, was habt ihr heut für Glück!

Frischen Kuchen könnt ihr kaufen,

fünfzehn Pfennig nur das Stück.

Süße Mandeln, schön gebrannte,

Kringelkranz und Zuckerstern,

Mürbeteig mit brauner Kante!

Ei, das mögt ihr alle gern!

Dazu von der feinsten Sorte

Semmel, weiß und butterweich,

Brezeln, Brot und Apfeltorte!

Alles wartet nur auf euch!

Hier von diesem Knusperkuchen,

süßer als ein Zuckerhut,

bitte, wolln Sie mal versuchen?

Ei, potztausend! Der schmeckt gut!

"Macht auf das Tor", Saarländisches Lesebuch 2. Schuljahr

 

 

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Kupferstich 1788

 

 

 

 


[1] K. A. Schmid (Hrsg.), Encyclopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, 6. Bd. Gotha 1867, S. 676 - 678

[2] J. E. Gailer, Neuer ORBIS PICTUS für die Jugend oder Schauplatz der Natur, der Kunst und des Menschenlebens, Reutlingen 1832

[3] Gailer, Vorrede zur 1. Auflage

[4] E. F. Kauffmann, Orbis pictus. Ein Volksbuch für Jung und Alt, das in allgemein fasslicher Darstellung das Wichtigste der Natur- und Menschenkunde umfasst, Stuttgart 1841

[5] E. F. Kauffmann II. Teil S. 36

[6] vgl. auch Horst Schiffler, Rechenbücher erzählen Kulturgeschichte. Veröffentlichungen des Saarländischen Schulmuseums 2012

[7] Ph. Sauer, Versuch eines methodischen Rechenunterrichtes für Bürger- und Landschulen, Birkenfeld 1834

[8] Mein zweites Lesebuch, 2. Teil: für die Mittelstufe. Saarbrücken o. J. (um 1920) S. 97

[9] Erlass des Reichsministers über die Richtlinien für die Volksschulen v. 15. Dezember 1939, Allgemeine Richtlinien