Lesen lernen - Schreiben lernen

Der Einfluss des Lese- und Schreibunterrichts auf die Kindheit im 19. Jahrhundert

von Horst Schiffler

Die Elementarschule, die spätere Volksschule konnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ein Bild abgeben, wie es Nikolaus Driesch in seinem biografischen Nachlass von seinem Vater, der als Winterschullehrer in der Trierer Gegend gewirkt hat, aufzeichnete:

"Peter Driesch, der Leineweber, wurde von wohlmeinenden Bewohnern des Dorfes angegangen, die Schule während des Winters zu übernehmen, und die Kinder im allgemeinen lesen, im besonderen auch ausnahmsweise schreiben zu lehren. Die Schule hielt vordem der Kuhhirt des Dorfes; der Schweinehirt war nie mit der Schulhaltung beauftragt, weil er nicht, wie der Kuhhirt, im Winter frei war. […] Ein Schulhaus hatte damals die Gemeinde nicht. Die Schule ging deshalb reihum von Haus zu Haus und verweilte in allen Häusern, worin sich Kinder befanden, nach Verhältnis der bezüglichen Anzahl. […] Was zur Schule gehörte, lag auf dem Tisch; dazu gehörte auch eine Birkenrute und ein Pfotenbrettchen. Zu Beginn, wenn die Kinder alle versammelt waren, begann das Sondern und Setzen derselben nach ihren bezüglichen Kenntnissen. Obenan saßen die Kinder, die schon lasen; diesen folgten jene, die buchstabierten; die letzte Stelle nahmen die ABC-Schützen ein. Am erwähnten Tische saßen einige elf- bis zwölfjährige Knaben, die sich des Schreibens befleißigen zu wollen das Ansehen hatten. Kein Mädchen lernte in dieser Zeit schreiben." [1]

Es gab zwar die allgemeine Schulpflicht, aber sie wurde mit ihren Ausnahmeregelungen und unterschiedlichen Ausformungen in den zahlreichen Herrschaftsgebieten sehr verschieden praktiziert. Hier handelte es sich um eine Winter- und Wanderschule. Der Lehrer wurde zum Martinstag am 11. 11. eingestellt und bis Gertrudis am 17. März bezahlt, den Sommer über versuchte er, sein Einkommen mit seinem Handwerk oder einer Gemeindeanstellung zu verdienen. Kleine Gemeinden besaßen oft kein eigenes Schulhaus, dort fand der Unterricht entweder im Wohnhaus des Lehrers statt, wenn er eines besaß, oder er wanderte mit seiner Schülerschar von Bauernhaus zu Bauernhaus, wo er den Unterricht zwischen menschlichen und animalischen Bewohnern abzuhalten versuchte.

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Die Kinder halfen den Sommer über in der Landwirtschaft. Überlieferte Berichte klagen immer wieder darüber, dass dieser Saisonunterricht kaum Erfolg brächte, da die Schüler das, was sie bis Gertrudis gelernt hätten, bis an St. Martin wieder vergessen sei.

In den Städten konnte das zur selben Zeit ganz anders aussehen: ein gut ausgestattetes mehrklassiges Schulhaus mit mehreren Lehrern und ganzjährigem Unterricht. Das hing vom lokalen Wohlstand und dem Bildungsbewusstsein der Bürger und des Stadtrats ab.

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Aus dem Text war auch zu erfahren, dass noch nach 1800 Lehrer eingestellt wurden, die keine seminaristische Ausbildung hatten, obwohl die Landesfürsten mit der Einführung der Schulpflicht meist auch Seminarien gegründet hatten; diese deckten aber oft nicht den Bedarf und die Abgänger bewarben sich in der Regel auf attraktivere Stellen. Die Besoldung setzte sich zusammen aus dem Schulgeld, das für die Kinder zu zahlen war, Naturalien wie Acker-, Weide- und Gartenland oder Brennholz und Getreide sowie Einnahmen aus kirchlicher Nebentätigkeit.

Es galt die Gleichung: arme Gemeinde mit wenig Kindern = armer Lehrer.

Ein anderer Punkt, der die Landschule in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts belastete, behandelt ein Artikel in einer Lehrerzeitschrift von 1812:

"Keine Klage der Schullehrer ist allgemeiner, und keine zu ihrer Rechtfertigung im Betreff ihres Fleißes als Lehrer begründeter, als die des vernachlässigten Schulbesuchs von den Kindern in der Sommerschule. Da dem Bauersmanne Feldbau und Viehzucht gewissermaßen sein Abgott, und der Pflug sein Christenthum ist, so schränken sich seinem Gutdünken nach die Pflichten der Kinderzucht lediglich darauf ein, sein Kind groß zu ziehen, um es, sobald es Alter und Kräfte erlauben, zu Erreichung seiner zeitlichen Absicht zu gebrauchen. Nicht also Ausbildung seines Geistes und seiner Seelenkräfte […] sondern Bildung physischer Kraft zur materiellen Benutzung liegt ihm am Herzen. … er entzieht sein Kind auch außer den Ferien, so oft es ihm gefällt, der Schule, um es zu seinem Geschäften zu brauchen." [2]

Die Klagen der Lehrer beziehen sich nicht nur auf die Unterrichtsversäumnisse, sondern auch auf die damit einhergehende Vorenthaltung des Schulgeldes, und sie ziehen sich noch lange hin.

Die allgemeine Unterrichtssituation zu Beginn des 19. Jahrhunderts lässt sich folgendermaßen charakterisieren:

Trotz der staatlich verordneten Schulpflicht gibt es große Unterschiede im Bildungsangebot zwischen Stadt und Land und zwischen Arm und Reich. Das zeigt sich in der räumlichen und sachlichen Ausstattung - Gemeinden ohne eigenes Schulhaus, mit Wanderunterricht stehen Stadtschulen mit mehrklassigen Schulgebäuden und ausreichender Ausstattung gegenüber, es zeigt sich im Ausbildungsstand der Lehre, - hier der ältere Handwerkerlehrer ohne pädagogische Vorbildung, dort der am Lehrerseminar fachlich und pädagogisch ausgebildete Lehrer; es zeigt sich im Bildungsanspruch bzw. der Bildungsbereitschaft der Eltern, - auf der einen Seite Eltern, die ihre Kinder als wichtige Helfer im Kampf um das tägliche Dasein begreifen, andererseits Eltern, die die Schule als unerlässliche Pforte für zukünftige Lebenschancen akzeptieren. Diese Unterschiede mussten sich auch auf die Art und den Ertrag des Unterrichts in Lesen und Schreiben auswirken. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts gelang es, einen weitgehenden Ausgleich dieser Differenzen herbeizuführen.

Seit Luther dazu aufgerufen hatte, dass jeder Hausvater und jede Hausmutter selbst die Hl. Schrift lesen können sollte, gehörte das Lesenlernen zu den wichtigsten Aufgaben der Kirchspielschulen. Das setzte sich auch in den unter staatliche Regie genommenen Elementarschulen fort. Eine Stelle aus der Autobiografie des Pädagogikprofessors Friedrich Paulsen, die sich auf die Zeit um 1850 in Norddeutschland bezieht, vermittelt anschaulich, mit welcher Mühe der Leselehrgang verbunden war.

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"Das Lesenlernen war damals noch eine ungemein schwierige Kunst, deren Erlernung in der Schule nach der alten Methode jahrelang in Anspruch nahm und von manchem, bei unregelmäßigem Schulbesuch war es fast die Regel, nie zu einiger Sicherheit gebracht wurde. Die Übung geschah in der Weise: es wurden Tabellen an Gerüsten, die an den Tischen befestigt waren, aufgestellt; je zwei oder drei Schüler hatten, mit einem "Untergehülfen" als Lehrer, der einen Stock als Zeiger in der Hand hielt, eine zusammen. Zuerst eine Tabelle mit den Buchstaben; dann kamen Syllabiertabellen, a - b: ab, b - a: ba usw,; endlich Tabellen mit Wörtern: a - p - f - e - l, Apfel. Hatte sich einer in ein, zwei Jahren, es konnten aber auch drei oder vier und mehr werden, durch die Tabellen durchgearbeitet, dann kam er an den Katechismus."[3]

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Die von Paulsen beschriebene Lehrart war die seit dem Mittelalter praktizierte Buchstabiermethode.

Seit dem 16. Jahrhundert gab es daran Kritik und Alternativvorschläge; doch erst die mit Nachdruck betriebenen Bemühungen des fränkischen Kirchen- und Schulrats Heinrich Stephani ab 1802 durch Herausgabe zahlreicher Schriften und einer Fibel leiteten eine Reform ein, bei der die Kinder am Anfang nicht die alphabetischen Namen der Buchstaben lernten, sondern mit dem Zeichen den Lautwert verbanden, und das nicht in alphabetischer Reihenfolge, sondern nach dem Schwierigkeitsgrad der Lauterkennung. Wie wir bei Paulsens Erinnerungen gesehen haben, dauerte es ein halbes Jahrhundert, bis sich das neue gegenüber der Tradition überall durchgesetzt hatte. Der didaktische Fortschritt wurde auch gefördert durch das sich schnell entwickelnde Angebot an Hilfsmitteln: Die Erfindung von Lithographie und Holzstich erlaubte billigeren und großformatigen Druck. Buchstabensätze in Großdruck auf Pappe wurden in sog. Lesemaschinen und Setzkästen benutzt, weit sichtbare Wandtafeln mit Silben und Wörtern erleichterten das Üben auch in großen Klassen. Ab der Jahrhundertmitte wurden die Fibeln zunehmend mit Bildern ausgestattet, die nicht nur das Buch attraktiver werden ließen, sondern auch mnemotechnische Stützfunktionen beim Erlernen der Laute übernahmen: Beim H befand sich das Bild eines Hasen, beim B ein Baum, beim U eine Uhr.

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Man kann sagen, dass ab der Mitte des 19. Jahrhunderts der Unterrichtserfolg im Lesen zu einem sehr hohen Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung geführt hatte. Parallel dazu wuchs das Angebot an preiswerter Lektüre, Wochenblätter wie "Die Gartenlaube", "Über Land und Meer", "Daheim" Kalenderbücher wie der "Lahrer hinkende Bote", Kinder- und Jugendschriften kamen dem neuen Lesebedürfnis breiter Kreise entgegen. Auch der Einfluss neuer technischer Errungenschaften ist nicht hoch genug anzusetzen. Durch die Erfindung von Holschliff und Zellstoff um die Mitte des Jahrhunderts konnte erst der gestiegene Papierbedarf gedeckt und der Preis gesenkt werden, Schnellpresse und Setzmaschine rationalisierten die Buchproduktion. Es war ohne Zweifel ein sich gegenseitig steigernder Prozess: Die Alphabetisierung erzeugte Hunger nach Lesestoff, das billiger und interessanter werdende Angebot an Lektüre förderte die Motivation zum Lesenlernen. Die Forcierung des Lese- und Schreibunterrichts und seine Ausdehnung auf alle Angehörige einer Generation hatte Auswirkungen, die noch kaum erforscht sind; der Gebrauch und die Verbreitung der Hochsprache vor allem in den dialektbetonten Regionen erhielt im 19. Jahrhundert einen enormen Anschub. Während die ältere Generation die hochdeutsche Predigt des Pfarrers vielleicht noch einigermaßen verstand, tat man sich im eigenen Gebrauch der Schriftsprache oft schwer. Die Kinder und Enkel dagegen konnten den analphabetischen Großeltern nun nicht nur die Zeitung vorlesen, sie waren ihnen auch im mündlichen Ausdruck, wenn es um Hochdeutsch ging, überlegen.

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Auch was das Schreiben betrifft, ist ein großer Abschnitt des 19. Jahrhunderts Entwicklungszeit.

In seiner Selbstbiografie schrieb der Lehrer Friedrich Polack bezogen auf die Zeit um 1840:

"Zum Schreiben in Schreibbüchern war kein Platz in der Schule. Nur immer einige Kinder malten die vom Lehrer ausgegebenen Schriftmuster nach. Viele hatten keine Hefte. Auch für meinen wohlhabenden Vater war es eine schwerere Sache ein Schreibebuch als einen Acker Land zu kaufen. In die alten beschmierten Buchdeckel heftete er immer aufs neue billiges gelbes Papier." [4]

Es herrschte noch lange Notstand. Das beginnt schon mit der Raumsituation. In vielen Schulen fehlten anfangs Bänke mit Schreibpulten. Es sind vielleicht zwei normale Tische vorhanden, an die die Schüler wechseln, die gerade das Schreiben üben. Die Körpergröße blieb unberücksichtigt. Noch bis in die zweite Jahrhunderthälfte beklagten sich die Lehrer, dass sie zu viel Zeit auf das Spitzen der Gänsefedern verwenden müssen, da die Kinder nicht achtsam mit den Kielen umgingen; erst danach setzte sich allmählich die robustere Stahlfeder durch. Dass man auch auf Schiefer schreiben kann, war bekannt; seit dem 16. Jahrhundert sind bei Kaufleuten sogenannte Nürnberger Schieferbücher in Gebrauch, handliche zusammengebundene Schieferplatten im Taschenformat für Notizen und Rechenoperationen.

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Die Schulpflicht löste den Bedarf an preiswertem Schreibmaterial für Schüler aus, und um 1800 sind Schiefertafeln in Schulen erstmals nachweisbar. Manche Schreibdidaktiker lehnten sie ab, weil sie zu einer "harten verkrampften Hand" führten und den differenzierten Strich der deutschen Schrift nicht zuließen. Aber mit der Zunahme der in der Schule geforderten Schreibübungen war die Wiederverwendbarkeit ein nicht zu überbietendes Argument, und sie gehörte bald neben Fibel und Katechismus zur Standardausstattung. Auch die Methodik des Schreibunterrichts scheint lange unterentwickelt gewesen zu sein, noch 1876 heißt es in einem Wegweiser für den Schreibunterricht: "Kein Wunder ists daher, wenn im Schreiben noch in einem großen Theile der Volksschulen Deutschlands nach dem alten Schlendrian und Mechanismus unterrichtet wird," und dann wird das alte Verfahren beschrieben: "Die Schreibebücher [dicke fest gebundene Hefte] werden ausgetheilt. Die Schüler fangen an zu schreiben, entweder nach der als Karte vorgelegten oder nach der gleich ins Heft gedruckten Vorschrift. Alle Schüler schreiben nun Verschiedenes. ein jeder nach seinen Fortschritten. Alle malen nun Buchstaben und Wörter, die aus den verschiedensten Grundzügen bestehen, in entfernter Ähnlichkeit nach, ohne zuvor die zu schreibenden Schriftzeichen richtig angeschaut und geistig klar aufgefasst zu haben. Dieser thut, als ob er schreibe und plaudert dabei mit seinem Nachbar. Jener hat die Vorschrift verkehrt vor sich liegen und pinselt und malt die Buchstaben nach, wie`s ihm gerade gut dünkt." [5]

Hier mag auch Übertreibung und Polemik im Spiel sein, um den Wert der eigenen Methode hervorzuheben, denn Bücher mit Vorschlägen zu einem systematischen, anschaulichen und weniger mechanischen Schreibunterricht finden sich schon ab der ersten Jahrhunderthälfte. Doch das Beharrungsvermögen der Lehrer war wohl groß: was man 1830 im Seminar gelernt hatte, wurde in den nächsten 40 Jahren in der Schule praktiziert.

Mit der Verbesserung der materiellen Bedingungen, beispielsweise den staatlichen Vorgaben für die Klassenraumgestaltung was Mobiliar und Lichtverhältnisse betrifft, der besseren Ausstattung der Schüler mit Schreibmaterial, der Zunahme an Berufen, die eine ordentliche Handschrift erforderten und die stärkere Persönlichkeits- und Qualifikationseinschätzung auf der Grundlage der Handschrift bei Bewerbungsschreiben und Lebenslauf gewann der Schreibunterricht einen immer höheren Stellenwert und eine bessere Qualität.

Das zu leistende Pensum wurde immer höher, denn Gegenstand des Schreibunterrichts war nicht nur die deutsche Currentschrift, sonder auch die englische Kursivschrift, eine in England gebräuchliche Variante der lateinischen Schreibschrift. Diese wurde erst ab der 4. oder 5. Klasse erlernt und war bestimmten Textsorten vorbehalten, wie Fremdwörtern oder ausländischen Städtenamen. Am Gymnasium kam sie häufig zum Einsatz: Wenn ein deutscher Text in eine Fremdsprache übersetzt wurde oder im Vokabelheft erscheinen die deutschen Wörter in deutscher Currentschrift, die fremdsprachlichen in englischer Kursivschrift.

Das zu leistende Pensum war auch deshalb sehr hoch, weil im 19. Jahrhundert der Handschrift ein immer größerer Persönlichkeitsbezug zugewiesen wurde. Früher konnten nur wenige schreiben; die vielen Analphabeten gingen zum Schreibmeister, wenn sie ein Schriftstück anzufertigen hatten. Wenn jedoch alle schreiben und Schriftliches von sich geben, wird das Geschriebene zum Ausweis von Merkmalen der Person. Man findet folgende Maximen in der Literatur der Zeit:

"Eine schlechte Handschrift sollte man niemals verzeihen; sie verräth eine schimpfliche Trägheit." [6]

"Wir sind es unserem eigenen und dem Schönheitsgefühl Anderer schuldig, eine…gefällige Hand zu schreiben." [7]

"Ausgezeichnete Leichtigkeit und Gewandtheit im Schreiben ist ein Beweis von Gewandtheit überhaupt, wäre es auch nur im Mechanischen." [8]

"Menschen, die in ihren reifen Jahren wie Kinder schreiben, sind auch noch und bleiben ihr ganzes Leben lang Kinder." [9]

Wenn wir heute angesichts handschriftlicher Hinterlassenschaft aus dem 19. Jahrhundert in Staunen geraten, hat das etwas zu tun mit der in den Zitaten zum Ausdruck gebrachten Einstellung zum Schreiben, und der Schreibunterricht war der Motor zur Umsetzung dieser Vorstellungen. Man gab ihm einen hohen Stundenanteil, selbst an den weiterführenden Mittelschulen; auch an den höheren Mädchenschulen in Preußen gab es in der 4. und 5. Klasse wöchentlich zwei Schönschreibstunden.

Die Forcierung des Schreibunterrichts hat noch einen anderen Hintergrund. In der ständischen Gesellschaft vor der französischen Revolution hatte sich in der Oberschicht ein System des Schriftverkehrs herausgebildet, das dem Rang einer Person Rechnung zu tragen versuchte. Titelbücher gaben Briefstellern, Schreibmeistern und Kanzlisten Orientierungshilfe im hoch differenzierten Angebot an standesgemäßen Anreden und Eingangsformeln. Und das Schriftbild sollte dem entsprechen; Schreiber wetteiferten im Dekor mit Gittern, Girlanden und Voluten, die Ästhetik der Schriftstücke soll der Würde des Adressaten gerecht werden. Die aufblühende bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts adaptierte dies, allerdings durch den Klassizismus entschnörkelt und geglättet. Titelbücher gibt es immer noch, und in Lehrerhandbüchern finden sich noch um 1900 eigene Kapitel über die Form des amtlichen Schriftverkehrs mit der korrekten Anrede für die gesamte Hierarchie der Vorgesetzten vom Schulleiter bis zum Kultusminister. Nicht mehr nur weltliche und geistliche Würdenträger haben Anspruch auf blumige Sprachformeln und gestochene Schriftzüge. Möglichst viele sollten teilhaben an einer elaborierten Form schriftlicher Kommunikation. Dazu hatte die Schule ihren Beitrag zu leisten.

Die Veränderung der Lehrpläne vom Beginn bis zum Ende des Jahrhunderts zeigt, wie die Gewichtung und Formalisierung des Schreibunterrichts zunimmt. Bezeichnend ist ein Passus im preußischen Lehrplan von 1872: "Die Resultate eines guten [Schreib]Unterrichts müssen demnach in allen Heften der Schüler zum Vorschein kommen." Das Schriftbild in erhaltenen Mathematik- und Naturkundeheften belegt, dass man dem nachzukommen versuchte.

Die Hygienebewegung, eine Interessengruppe vor allem aus Ärzten und Pädagogen, die sich für die Gesundheit der Schulkinder ab dem letzten Jahrhundertdrittel einsetzte, machte ihren Einfluss auch auf den Lese- und Schreibunterricht geltend; sie publizierte nicht nur Vorschläge für ergonomisch bessere Schulbänke, sondern erfand auch Kinnstützen und Geradhalter, die gewährleisten sollten, dass sich die Schüler nicht zu dicht über das Buch oder Heft beugen und sich dadurch die Augen und die Haltung verderben.

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Diese Geräte kann man als ein Symbol ansehen für das Moment des Zwanghaften, das in mancherlei Gestalt der Lese- und Schreibpädagogik im 19. Jahrhundert anhaftete.

Auch die Kunst lässt sich als Beleg für die gesellschaftliche Bedeutung des Lese- und Schreibunterrichts heranziehen. Für die Genremalerei der 2. Jahrhunderthälfte, die uns als Drucke in Bildbänden, Mappen oder Illustrierten Zeitschriften besonders gut zugänglich ist, liefert das Lesen und Schreiben der Kinder immer wieder Gestaltungsmotive mit vielen Varianten: Das fängt mit dem gemeinsamen Bilderbuchbetrachten von Großvater und Enkel an, wir sehen die Leseübung der Großmutter mit der Enkelin, die Schreibhilfe der großen Schwester, die Arbeit an den Schreibaufgaben ins Heft oder auf die Schiefertafel, den über den Hausaufgaben eingeschlafenen Schüler. In der Klasse wird das ABC buchstabiert oder Silbenlesen geübt, der Lehrer beim Federspitzen gezeigt. Negative Begleiterscheinungen wie verschüttete Tinte, der Klecks im Heft, eine zerbrochene Schiefertafel mit den Folgen bilden Motive.

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Die Maler zeigen ein vielfältiges lebendiges Panorama, das belegt, dass Lesen und Schreiben über die unmittelbar Betroffenen hinaus breite gesellschaftliche Kreise berührt und interessiert haben muss und zwar so, dass damit verbundene Erfahrungen und Ereignisse für wert gehalten wurden, dokumentiert und ästhetisch aufbereitet zu werden. Erhaltene billige Breiteller aus Blech mit dem eingeprägten ABC auf dem Tellerrand liefern den Hinweis, dass - anders als zu Beginn des Jahrhunderts - auch in einfachen Bevölkerungsschichten, wo solche Teller in Gebrauch waren, die Einsicht in den Wert der Lese- und Schreibfähigkeit angekommen war.

Wenn wir uns nun noch die Frage stellen: "Wie hat sich die Durchsetzung der Schulpflicht mit der starken Betonung von Lesen und Schreiben im 19. Jahrhundert auf die Kindheit ausgewirkt?" kommen wir zu zwiespältigen Antworten.

Einerseits fühlten sich viele Kinder der Qual des stereotypen, langweiligen Übens ausgesetzt.

Andererseits bot ihnen dieser Unterricht eine Entwicklungschance für formale Qualifikationen wie Sinn für Sorgfalt, Ausdauer, Anstrengungsbereitschaft, die ihnen im Berufsleben zugute kamen.

Einerseits gab es am Anfang gerade auch für Mädchen wenig Unterstützung und Anerkennung in einer konservativen Umwelt, vor allem auf dem Land.

Andererseits erfuhren Kinder eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins durch Fähigkeiten, die man Erwachsenen voraus hatte.

Einerseits entstand nicht selten eine Diskriminierung von Leistungsschwachen, weil Lese- und Schreibfähigkeit zunehmend zum Indiz für andere Qualifikationen gewertet wurden.

Andererseits erschloss dieser Unterricht neue Informations-, Ausdrucks- und Unterhaltungsmöglichkeiten und förderte ästhetische Erfahrung und Gestaltung.

Eine Bilanz könnte heißen, dass der Unterricht in Lesen und Schreiben im 19. Jahrhundert nicht nur unter dem Aspekt zukünftiger Verwertbarkeit trotz aller Mühsal der Kindheit eine neue Qualität verliehen hat.

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Faltschnitt eines Schülers mit 24 Schriftherzen, 1873

 

 


[1] Nikolaus Fox, Aus dem Leben des Nikolaus Driesch, Saarlouis 1933, S. 33

[2] Der baierische Schulfreund. Eine Zeitschrift. 4. Bd. Erlangen 1812, S. 82

[3] Friedrich Paulsen, Aus meinem Leben, Leipzig o.J., S. 82

[4] Friedrich Polack,, Brosamen. Erinnerungen. 1. Band, Wittenberg 1885, S. 89

[5] Hermann R. Dietlein, Wegweiser für den Schreibunterricht, 2. Aufl. Leipzig 1876, S. 3

[6] Dietlein, S. 38

[7] Johann Christian Dolz, Hülfsbuch zur Schön- und Rechtschreibung und zum schriftlichen Gedankenvortrage, Leipzig 1806, S. 38

[8] Carl Kehr, Geschichte der Methodik des deutschen Volksschulunterrichts. 4. Bd Gotha 1889, S.147

[9] wie 8