Aus gegebenem Anlass besucht der Lehrer einen Goldschmied, zwei Schüler dürfen ihn begleiten. In einem Gespräch unter den Beteiligten in Verbindung mit konkreter Anschauung entwickelt sich eine Einführung in die wichtigsten Merkmale dieses Handwerks:
Magister (nach der Begrüßung): Sie verzeihen, dass ich diese Kinder zu ihnen führe; sie wollen sich bei ihnen ein wenig umsehen und ihre schönen Arbeiten betrachten.
Goldschmied Maier: Es ist mir eine Ehre, Herr Magister, dass sie mich besuchen; ich bin zu ihrem Befehle.
Christian und Fritz: „Sie werden sich uns sehr verbindlich machen, wenn sie uns mit ihrer Kunst bekannt machen wollen: Vielleicht bekommt einer von uns dadurch Lust, bei ihnen dereinst in die Lehre zu treten.“
Goldschmied Maier: „Das würde mir sehr lieb seyn; denn so gut vorbereitete Kinder können es mit der Zeit sehr weit bringen.“
Christian und Fritz: O, erzählen sie uns doch, was sie zu ihrer Kunst nöthig haben.
In diesem Dialoganfang wird ein wesentlicher Gesichtspunkt der Absicht dieser Pädagogik zum Ausdruck gebracht: Information über das Handwerk als Motivation und Entscheidungshilfe für die richtige Berufswahl.
In Fibeln für die Leseanfänger findet man Beispiele ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als Teil der Erfahrungswelt der Kinder bietet die Handwerkssituation Anlass für Sprach-, Lese-und Begriffsbildungsübungen.
Das Kind in Haus, Schule und Welt. Fibel 1903
Wenn die Schüler die Lesetechnik erworben haben, treten längere Texte auf, die illustriert sein können. Sie dienten auch dem damals neu eingeführten Anschauungsunterricht, in dem es um Sprachbildung und ein besseres Verstehen der Umwelt ging.
Hessische Fibel 1912
In den weiteren Klassen bis zur Mittelstufe bleibt der Gegenstand erhalten und findet in Sachtexten oder moralisierenden Lesestücken seinen Niederschlag, so zum Beispiel in „Mein zweites Lesebuch, 2. Teil: für die Mittelstufe“[8]
Was soll aus Hänschen werden
Hänschen will ein Tischler werden, ist zu schwer der Hobel,
Schornsteinfeger will er werden, doch ihm scheint`s nicht nobel;
Hänschen will ein Bergmann werden, mag sich doch nicht bücken.
Hänschen will ein Müller werden, doch die Säcke drücken:
Hänschen will ein Weber werden, doch das Garn zerreißt er,
immer, wenn er kaum begonnen, jagt ihn fort der Meister.
R. Löwenstein.
Eine am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Reformströmung war die Arbeitsschulbewegung, die den Bildungswert konkreter Arbeitsprozesse im Unterricht propagierte. Es wäre zu erwarten, dass von ihr auch eine besondere Beziehung zu handwerklichen Berufen ausgegangen wäre, doch es entwickelten sich nur schwache Kontaktstellen, beispielsweise durch die Erwartung eines Beitrages zur leichteren Berufsfindung oder durch die Anregung, Handwerker zu besuchen und sie bei ihrer Arbeit zu beobachten. Die Repräsentation handwerklicher Berufe in Unterrichtsmedien erfährt keine Steigerung, es ist eher Zurückhaltung festzustellen; in den Lesebüchern ab dem 5. Schuljahr taucht fast nur noch der Buchdruck in Zusammenhang mit Johannes Gutenberg als kulturgeschichtlicher Inhalt auf. Damit einher geht manchmal eine nationalistische Überhöhung und Symbolisierung, die sich vor allem nach dem Krieg gegen Frankreich und der Reichsgründung 1871 entwickelte und in verschiedenen Unterrichtszusammenhängen zum Ausdruck kam.
In dem Lesebuch "Von der Schule ins Leben", um 1914/15, fällt das Bild eines hammerschwingenden Schmieds vor einer offenen Landschaft ins Auge, der ein Schwert schmiedet; auf einem Schriftband ist zu lesen: "Wir fürchten Gott und sonst nichts". Kontext der Darstellung ist ein Gedicht mit dem Titel "Bismarck", in dem der Reichsgründer mit einem Schmied verglichen wird:
Am Amboss stand ein weiser Schmied.
Siegrunen sprach er und sang ein Lied,
Gar eine gewaltige Weise.
Er schwang den Hammer Tag für Tag,
Die Völker hörten seinen Schlag
Im ganzen Erdenkreise…
Diese ideologische Vereinnahmung, die nach dem ersten Weltkrieg kaum noch in Erscheinung trat, wurde nach 1933 neu belebt. Nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus finden sich wieder mehr handwerksbezogene Themen in Grundschulbüchern, vor allem in Fibeln. In der NS-Ideologie ist das Handwerk wie das Bauerntum ein Bestandteil der Volksgemeinschaft, auf die hin die Bildungsziele der Schule ausgerichtet sind. Die Schüler „……sollen sich schon mit Stolz bewusst werden, zu dem Teil der Volksgemeinschaft zu gehören, in dem sie später als Schaffende die Verantwortung für das Ganze mit zu tragen haben.“[9]
In der Fibel „Der kleine Saarpfälzer“ von 1937 werden Schmied, Schreiner, Schuster und Schneider sogar im Foto bei der Arbeit gezeigt und zum „Tag der Nationalen Arbeit“ gibt es ein Bild mit dem Maibaum als Handwerkerbaum, im dazugehörigen Gedicht heißt es:
Das ist ein Tag besondrer Art,
er will die deutsche Arbeit ehren
Sie schenkt den Kindern Milch und Brot.
Sie hütet uns vor bittrer Not.
In Lesebüchern für höhere Schulen sind kulturgeschichtliche Texte enthalten, in denen das alte Handwerk mit seinen oft staunenswerten kunsthandwerklichen Produkten als Zeichen deutschen Wesens gefeiert wird, wie das folgende Beispiel zeigt:
Ehre, deutsches Volk, und hüte
treulich deinen Handwerksstand!
Als das deutsche Handwerk blühte,
blühte auch das deutsche Land,
Rühr dich, deutscher Mann, und merk,
Handwerk heißt: die Hand ans Werk!
Ritter ohne Furcht und Tadel,
ohne Furcht vor dem Misslingen,
ohne Tadel beim Vollbringen.
Mit Fleiß erdacht, in Schweiß vollbracht -
hat deutsches Handwerk groß gemacht.
Deutsche Meister, übt und wahrt
deutsche Arbeit, deutsche Art.
Aus: Lesebuch "Von deutscher Art", Frankfurt a.M. 1939
Wer will fleißige Handwerker sehn,
der muss zu den Kindern gehn.
Stein auf Stein, Stein auf Stein,
das Häuschen muss bald fertig sein.
O, wie fein, o, wie fein,
der Glaser setzt die Scheiben ein.
Tauchet ein, tauchet ein,
der Maler malt die Wände fein.
Zisch zisch zisch, zisch zisch zisch,
der Tischler hobelt einen Tisch.
Tripp trapp drein, tripp trapp drein,
jetzt ziehn die fleiß’gen Leute ein.
Stich stich stich, stich stich stich,
der Schneider näht ein Kleid für mich.
Poch poch poch, poch poch poch,
der Schuster nagelt zu das Loch.
Rühr rühr ein, rühr rühr ein,
der Kuchen wird bald fertig sein.
Hopp hopp hopp, hopp hopp hopp,
wir tanzen alle im Galopp.
Fibel "Fröhlicher Anfang"
Lustig, Schlosser, hämmre fein,
Eisen muss gehämmert sein.
Willst du’s brauchbar machen,
dient’s zu vielen Sachen.
Darum hämmre frisch drauf los,
Arbeit macht dich stark und groß.
Willst du tüchtig werden,
scheue nicht Beschwerden!
Wirst dann einst ein Ehrenmann,
der gar vieles machen kann.
Lass das Eisen glühen
und die Funken sprühen!
Fibel, Wien 1899
Wir stehen an der Hobelbank
und hobeln alle Bretter blank.
Flitsch, flitsch, fleite,
was hobeln wir denn heute?
Ein Bänkchen, auf dem man stehen kann,
ein Fenster, daraus man sehen kann,
einen Zaun um den Garten,
darauf die Spatzen morgens frühauf die Sonne warten
Fibel „Gute Kameraden“ 1938
Schmied, Schmied, Schmied,
nimm dein Hämmerlein mit!
Wenn du willst ein Pferd beschlagen,
musst dein Hämmerlein bei dir tragen.
Schmied, Schmied, Schmied,
nimm dein Hämmerlein mit!
Wollt ein Schmied ein Pferd beschlagen.
Wieviel Nägel muss er haben?
Drei, sechs, neun.Jung‘, hol Wein!
Knecht, schenk ein!
Herr, trink aus!
Du bist draus. Fibel "Gute Kameraden" 1938
Schneider, Schneider, näh mir Kleider,
nicht zu eng und nicht zu weit,
nicht zu lang und nicht zu breit,
spare nicht mit deiner Kreide,
füttre sie mit weicher Seide,
näh mir blanke Knöpfe dran,
dass ich werd ein feiner Mann.
Schneider, Schneider, zwick, zwick, zwick,
stopf mit einem blauen Flick
das große Loch in meinem Rock,
sonst kommt die Mutter mit dem Stock
und klopft die Hose windelweich.
O, guter Schneider, hilf mir gleich.
"Der kleine Saarpfälzer", 1937
[1] K. A. Schmid (Hrsg.), Encyclopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, 6. Bd. Gotha 1867, S. 676 - 678
[2] J. E. Gailer, Neuer ORBIS PICTUS für die Jugend oder Schauplatz der Natur, der Kunst und des Menschenlebens, Reutlingen 1832
[3] Gailer, Vorrede zur 1. Auflage
[4] E. F. Kauffmann, Orbis pictus. Ein Volksbuch für Jung und Alt, das in allgemein fasslicher Darstellung das Wichtigste der Natur- und Menschenkunde umfasst, Stuttgart 1841
[5] E. F. Kauffmann II. Teil S. 36
[6] vgl. auch Horst Schiffler, Rechenbücher erzählen Kulturgeschichte. Veröffentlichungen des Saarländischen Schulmuseums 2012
[7] Ph. Sauer, Versuch eines methodischen Rechenunterrichtes für Bürger- und Landschulen, Birkenfeld 1834
[8] Mein zweites Lesebuch, 2. Teil: für die Mittelstufe. Saarbrücken o. J. (um 1920) S. 97
[9] Erlass des Reichsministers über die Richtlinien für die Volksschulen v. 15. Dezember 1939, Allgemeine Richtlinien